Wincent Weiss: Pop, der auch berührt

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Wincent Weiss
Auf seinem neuen Album wird Wincent Weiss sehr persönlich. (Foto: Christoph Köstlin/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Thomas Bremser

Mit seinem Debütalbum schaffte Wincent Weiss vor zwei Jahren einen Charthit, Songs wie „Musik sein“ oder „Feuerwerk“ liefen in Dauerschleife im Radio. Jetzt legt der 26-Jährige nach.

Auf der Platte „Irgendwie Anders“ zeigt sich Weiss nicht nur von seiner poppigen Seite, sondern auch zutiefst verletzt und persönlich.

Die 13 Lieder, darunter bereits veröffentlichte Singles wie „An Wunder“ oder „Hier mit dir“, sind zunächst gut gemachter Pop. Eingängig, unpolitisch, radiotauglich. Mal blickt der aus Schleswig-Holstein stammende Sänger in eine glückliche Zukunft voraus („Kaum erwarten“), mal auf eine unglückliche Beziehung zurück („Zeichen“).

Am Ende stechen dann aber zwei Songs heraus, die vom üblichen Popschema abweichen. Die Single „Pläne“ handelt von einer Liebe, die während seiner Musikerkarriere in die Brüche gegangen ist. Das unerwartete Platzen der großen Liebe ist nichts spektakulär Neues. Weiss verpackt es aber derart emotional-verletzlich, dass viele (vor allem junge weibliche) Fans im Internet berichten, beim ersten Hören geweint zu haben.

„Du wolltest doch meinen Ring an deinem Finger, wir wollten doch ein Haus und zwei Kinder“, schmachtet der 26-Jährige in Rio-Reiser-Manier seiner Ex hinterher. „Bis zum Schluss hatten wir Pläne und davon so viel. Wir kannten die Wege. Jetzt geh ich ohne dich.“

Die Ballade, auf der Weiss nur von einem Klavier begleitet wird, war für ihn der Startschuss für Album Nummer zwei. „Damals war das ein ganz aktuelles und für mich wichtiges Thema. Ich bin beim Singen automatisch emotional geworden. Das hat mir so gut gefallen, dass ich das fürs weitere Album weitergeführt habe.“

Mal kratzig, mal extrem hoch. Mal sanft, mal kräftig: Die Stimme des Norddeutschen, der den Durchbruch erst Jahre nach seiner Teilnahme an der Show „Deutschland sucht den Superstar“ schaffte, hat jedenfalls Wiedererkennungswert. Noch emotionaler als „Pläne“ dürften seine Fans die Ballade „1993“ aufnehmen. Das Geburtsjahr des Sängers kommt im Lied nicht einmal vor, dafür rechnet Weiss mit seinem Vater ab, den er nach eigenen Worten nie kennenlernte.

„Kenn dich nur aus Geschichten. Noch nicht mal deinen Namen. So'n Typ da auf den Fotos, der nie nach Hause kam. Und alles, was bleibt, ist irgendein Gesicht. Und ein Danke. Danke für Nichts“, heißt es in der ruhigen Klavier-Ballade. Und weiter: „Ich hab eins von dir gelernt, das geb ich gerne zu. Wenn ich mal Vater werde, werd ich nie so sein wie du.“

Er habe den Song bereits für sein Debütalbum verfasst, sagt Weiss. Damals habe dieser aber nicht gepasst. Mit einem kleinen Team aus befreundeten Songwritern bespreche er die Themen. Daraus entstünden dann die Lieder. Das R&B-lastige „Jemanden vermissen“ schrieb Weiss zusammen mit Sängerin Sarah Connor.

Ein erneuter Charterfolg dürfte Weiss, der seit eineinhalb Jahren in Hotels, im Tourbus oder bei der Mutter lebt, mit „Irgendwie Anders“ sicher sein. Zusätzlich Schub dürfte ihm die erfolgreiche Musikshow „Sing meinen Song“ geben, die im Frühjahr auf Vox ausgestrahlt wird. Dabei singen Künstler wie Michael Patrick Kelly, Jeanette Biedermann und Álvaro Soler Songs der jeweils anderen. Dass sich dabei jemand an das persönliche „1993“ wagt, ist wohl eher unwahrscheinlich.

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