Wie sag ich's meinen Eltern? Tipps fürs Coming-out

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Deutsche Presse-Agentur

Lange Zeit war es nur eine gute Jungsfreundschaft: Jan und Lukas saßen in der Schule nebeneinander und gingen abends zusammen weg. Vor rund einem Jahr merkte Jan aber, dass er sich in Lukas verliebt hatte.

„Das hat mich erst einmal ganz schön durcheinandergebracht, ich hatte mir vorher nie wirklich Gedanken gemacht, ob ich schwul war“, erinnert sich der 17-Jährige. Mädchen hatten ihn bislang einfach nie interessiert. Schließlich wollte er es nicht mehr für sich behalten. Freunde und Eltern sollten erfahren, dass Jan auf Jungs steht. Das dauerte dann aber doch seine Zeit, schließlich fällt ein Coming-out nicht leicht.

„Zuerst einmal ist es am besten, andere Jugendliche zu finden, denen es ähnlich geht“, rät die Sprecherin vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland, Renate Rampf aus Berlin. Manchmal gibt es an der eigenen Schule Jungen und Mädchen, die sich bereits geoutet haben und an die man sich wenden kann. Eine andere Möglichkeit ist das Internet. „Dort kann man sich in Foren anonym austauschen oder Beratungsangebote in der Nähe finden.“ Es sollten aber nur kostenlose Angebote genutzt werden: „Alles andere könnte unseriös und wenig hilfreich sein.“

Im Internet kann man erfahren, wo es spezielle Schwulen- und Lesbentreffpunkte wie Buchhandlungen, Partys oder Cafés gibt. „Nicht alle haben ja das Glück, in einer Großstadt wie Berlin oder Köln zu wohnen“, sagt Rampf. Doch auch wer auf dem Land lebt, müsse nicht auf diese Angebote verzichten. „Oft gibt es die schon in der nächsten Kleinstadt - oder man findet einen Vorwand, um mal in eine Großstadt zu fahren und sich dort nach neuen Kontakten umzusehen.“

Das alles kann helfen, Gleichgesinnte zu finden, das Selbstbewusstsein zu stärken und besser mit der neuen Lebenssituation klarzukommen. „Wenn man sich stark genug fühlt, kann man das eigentliche Coming-out etwas vorbereiten, indem man das Thema zu Hause oder mit Freunden immer mal wieder unverfänglich anspricht“, rät Ulrich Gerth aus Mainz, Diplom-Psychologe und Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Ein solches Gespräch kann sich beispielsweise um die Rolle eines Schwulen in einer Fernseh-Soap drehen oder um eine bekannte Lesbe. Dabei zeigt sich, was die anderen über das Thema denken. Das könne helfen, wenn man sich schließlich in einem gut abgepassten Moment einer guten Freundin, dem besten Freund oder den Eltern anvertraut, sagt Gerth. Jan ist so vorgegangen. Die heimliche Liebe Lukas weiß zwar noch nichts von seinen Gefühlen. Doch nach einigem Überlegen verriet Jan sein Geheimnis vor einiger Zeit zuerst seiner besten Freundin, dann seiner Mutter.

Auch wenn man froh ist, endlich alles raus zu haben, was einem auf der Seele lag, brauchen auch Eltern Zeit: Sie sollten mit der Situation nicht überfordert werden, rät die Bundesgeschäftsführerin des schwul-lesbischen Jugendnetzwerks Lambda, Gila Rosenberg aus Hamburg. „Viele Jugendliche sind so euphorisch, dass sie Eltern sehr viel auf einmal erzählen und enttäuscht sind, wenn die erste Reaktion eher zurückhaltend ist.“ Spricht man die Eltern einige Wochen später erneut auf das Thema an, reagierten sie häufig offener - das zeige zumindest die Erfahrung vieler junger Homosexueller.

Völlig problemlos wird ein Coming-out aber fast nie sein: Bei manchen wenden sich vermeintlich gute Freunde plötzlich ab, und vor allem Eltern haben oft lange Zeit große Probleme damit, dass Tochter oder Sohn homosexuell sind. „Sie drohen mit dem Rauswurf aus der Wohnung oder hoffen, dass das alles nur eine Phase ist“, sagt Rampf.

Deswegen sollte das Coming-out gerade bei den Eltern gut vorbereitet werden. „Immerhin kann man Eltern nicht austauschen“, sagt Rampf. Die eigene Homosexualität sollte man aber trotzdem nicht verheimlichen und unterdrücken: „Es wird Feinde geben, viele neue Freunde und am Ende findet sich auch einen Schatz, das ist sicher.“

Schwul-lesbischer Jugendverband Deutschland: www.lambda-online.de

Lesben - und Schwulenverband Deutschland: www.lsvd.de

Portal für junge Lesben: www.gorizi.de

Beratung für Jugendliche: www.bke-jugendberatung.de

Schwule Jugendgruppen: www.schwulejugendgruppen.de

Viele Schwule und Lesben müssen sich immer wieder dumme Sprüche von Mitschülern oder der Familie anhören. Der Diplom-Psychologe Ulrich Gerth rät deshalb, sich schon früh innerlich darauf einzustellen: „Es ist beispielsweise wichtig, stolz auf sich selbst zu sein, dass man sich geoutet hat.“ Das verleiht Kraft. „Außerdem kann man sich und dem Sprücheklopfer sagen: 'Ja, ich bin homosexuell. Und ich habe den Mut gehabt, es anderen zu sagen.'“

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