Wie „Ossis“ und „Wessis“ verreisen

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Deutsche Presse-Agentur

In der Urlaubszeit fährt der „Ossi“ zum Campen an den Balaton - der „Wessi“ macht sich auf zum Ballermann. Ungarischer Plattensee und spanische Ferieninsel Mallorca: Das sind die beiden Klischees über das Reiseverhalten der wiedervereinigten Deutschen.

Tourismusexperten wollen es dagegen genauer wissen und sind den Urlaubsgewohnheiten von Ost- und Westdeutschen seit der Wende auf der Spur. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer lautet der Befund: Bei ihren Urlaubsbedürfnissen und den Reisezielen haben sich die Bundesbürger in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark angeglichen - einige Unterschiede aber bleiben.

Relativ einig sind sich Reisefreunde in beiden Landesteilen mittlerweile über die beliebtesten Urlaubsregionen, wie eine auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin vorgestellte Studie bestätigte. Ob in Ost oder West: Spanien steht unangefochten an der Spitze, wie die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) erklärte. Österreich, Italien und die Türkei folgen auf der Beliebtheitsskala.

Genauer betrachtet gibt es jedoch Unterschiede - und die erinnern durchaus noch an die gängigen Klischees. Die Westdeutschen zieht es mit 38 Prozent nämlich stärker nach Spanien als die Ostdeutschen mit nur 31 Prozent. Dagegen fahren immer noch mehr Menschen aus den neuen Bundesländern in die ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten der DDR, etwa nach Bulgarien, Ungarn oder Tschechien.

Ein Grund dafür liegt nach Expertenmeinung in den erlernten Reisegewohnheiten der älteren Generationen. Obwohl auch Ältere beim Reisen mittlerweile alle Möglichkeiten hätten, setzten viele immer noch auf altbekannte Ziele, sagt FUR-Vorstand Guido Wiegand. Im Reisen sind nämlich auch die Ostdeutschen trotz der früheren Stacheldrahtzäune an ihrer Westgrenze geübt. „Sie haben durchaus Urlaub gemacht“, sagt Wiegand. Schon zu DDR-Zeiten verreisten zwischen 70 und 80 Prozent. „Der überwiegende Teil davon blieb allerdings im eigenen Land.“

Das änderte sich auch nach dem Fall der Mauer nicht - allerdings verlagerten sich die Touristenströme zunächst in den unbekannten Westen. „Es gab damals einen Run auf Westdeutschland“, sagt Hasso Spode, Leiter des Berliner Historischen Archivs zum Tourismus. „Die Ostdeutschen wollten die gesamte Heimat erkunden, auch mal den Kölner Dom sehen oder die Alpen.“ Deswegen kennen die Ostdeutschen den Westen mittlerweile besser als die Westdeutschen den Osten.

Mit dem „Westtourismus“ einher gingen Reisen zu neuen Auslands-Zielen. „Mangels Flughäfen in den ostdeutschen Ländern waren Busreisen etwa nach Griechenland oder Spanien zunächst sehr gefragt“, sagt Ralph Schiller, Geschäftsführer der Rewe Touristik. „Die weiten Strecken waren den Leuten dabei total egal. Sie wollten möglichst viel sehen, ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.“ Das normalisierte sich allerdings bald. Urlaubsziele wie Mallorca und Tunesien folgten relativ zügig. „Das Reiseverhalten der Ostdeutschen ist im Zeitraffer zu betrachten“, sagt Schiller. „Innerhalb von fünf bis sieben Jahren hat sich in den neuen Bundesländern das vollzogen, was sich in Westdeutschland über Jahrzehnte entwickelt hat.“

Im zwanzigsten Jahr der Einheit sind die Unterschiede zwischen Ost und West weniger geworden, aber es gibt sie noch. Ostdeutsche seien eher keine typischen „Poolgänger“, sagt Schiller. „Während die Westdeutschen tendenziell im Urlaubsort eher im Hotel bleiben, unternehmen Ostdeutsche Ausflüge, um Land und Leute kennenzulernen.“ Wie die westdeutschen Reisenden sehnten sie sich im Urlaub aber mittlerweile auch stärker nach Ruhe und Erholung.

Die Organisation der Reisen lassen sich viele Bundesbürger von einem Veranstalter abnehmen, Ostdeutsche jedoch stärker als ihre Nachbarn im Westen. „Über die Hälfte der Ostdeutschen fährt heute pauschal in den Urlaub“, sagt FUR-Experte Wiegand. Bei den Westdeutschen seien es hingegen rund 40 Prozent. Ansonsten ist beim Reisen die deutsche Einheit längst vollzogen. Die Menschen in Ost und West packen gleichermaßen gern und oft die Koffer und geben für die schönste Zeit des Jahres trotz aller sozialen Unterschiede pro Person annähernd gleich viel Geld dafür aus - 836 Euro im Westen und 827 Euro im Osten.

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