Wenn Maden und Gestank zum Berufsalltag gehören

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Jochen Kern ist Tatortreiniger. Dazu braucht er einen Schutzanzug. (Foto: Wolfgang Heyer)
Wolfgang Heyer

Unzählige Maden wuseln auf dem Boden herum, das Bettlaken strotzt vor getrocknetem Blut und der Geruch schlägt den Anwesenden direkt auf den Magen. Das ist der Arbeitsplatz von Jochen Kern – er ist Tatortreiniger.

„Der Verwesungsgeruch ist das Schlimmste, das ist wirklich extrem. Vor allem im Sommer ist das richtig böse“, berichtet der 42-Jährige aus Baienfurt ohne Umschweife von der größten Herausforderung seines Berufes. Daher trägt er bei der Arbeit immer eine Atemmaske, in Extremfällen schmiert er sich Tigerbalsam unter die Nase. „Zuerst gibt es eine Begehung, da schauen wir uns die Wohnung ganz genau an“, zählt Kern den ersten Arbeitsschritt auf. Anschließend wird eine Vordesinfektion vorgenommen, die sämtliche Viren, Bakterien und Schimmel abtötet. Dann geht es im Schutzanzug, mit Dampfstrahlern und speziellen Reinigungsmitteln an die Arbeit. Und die ist schweißtreibend: „Um den Geruch aus der Wohnung zu bekommen, muss alles raus. Wir müssen auch die Böden rausreißen und die Tapeten entfernen. Das ist unter der Maske sehr anstrengend.“ Zuletzt kommt noch der Ozongenerator zum Einsatz, dessen Gas in kleinste Löcher und Spalten eindringt und die ganze Wohnung von Grund auf abschließend reinigt.

„Man darf gar nicht so viel darüber nachdenken“

„Oftmals werden die Leichen erst nach ein paar Wochen gefunden. Da schnürt es einem dann wirklich den Hals zu“, so der Reinigungsprofi. Einen Toten bekam er während seiner Arbeit gleichwohl noch nie zu Gesicht, auch wenn einige seiner Bekannten das aufgrund seiner Berufsbezeichnung „Tatortreiniger“ glauben. Erst nachdem der Bestatter die Leiche mitgenommen und die Polizei die Wohnung freigegeben hat, nehmen sich Kern und weitere Mitarbeiter der Walko Transporte GmbH – die Tatortreinigung macht rund zehn Prozent des Geschäftsbetriebes aus – der Wohnungsauflösung an. „In den nächsten rund acht Stunden schmeißen wir einfach ein Menschenleben weg. Das ist schon sehr traurig und bewegt uns auch, klar, logisch.“

Und Geschäftsführerin Roswitha Bösch, die selbst mit anpackt, ergänzt: „Man darf gar nicht so viel darüber nachdenken. Das muss man verdrängen.“ Genauso wie die Bilder, die das Reinigungsteam wöchentlich zu sehen bekommt. Maden im Fußboden, verstreute Fäkalien und sogar verweste Tiere. Alpträume seien zwar selten, bleiben aber nicht aus. „Da denkt man immer, dass man schon alles gesehen hat und dann kommt es noch schlimmer“, sagt Bösch.

100.000 Euro im Briefumschlag

Während den Tatortreinigungen und Auflösungen von Messie-Wohnungen haben Jochen Kern und Roswitha Bösch auch schon so allerlei Skurriles (vor-)gefunden. Neben einem echten Gebiss und einem separaten Zimmer mit den gesammelten Werken der Schwäbischen Zeitung, gab es auch eine Pfandflaschen-Sammlung zu bewundern. „Wir haben die Flaschen abgegeben, die waren insgesamt 600 Euro wert.“ Nichts im Vergleich zu einem weiteren Fund, einem Briefumschlag aus dem unzählige Geldscheine quollen. In Summe: 100.000 Euro. „Wir haben das Geld natürlich zurückgegeben, so wie es sich gehört. Ein anderes Mal haben wir Diamanten gefunden, die hinter einem Klavier versteckt waren. Darüber haben sich die Hinterbliebenen auch sehr gefreut“, zeigt Kern die positiven Seiten seines Jobs auf.

Die Aufträge erhalten die Putzexperten direkt von den Städten, wie beispielsweise Ravensburg oder Friedrichshafen, aber auch von Notaren, Erben oder der Staatsanwaltschaft. Und weil das Geschäft floriert, will Kern, der zuvor vier Jahre in der Sterbebegleitung tätig war, seine Dienstleistung nun nicht mehr nur in der Region, sondern in ganz Deutschland und sogar Österreich anbieten. (sz)

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