Wenn der Kultur die Energie ausgeht - Frieren im Kino und Museum?

Im Herbst und Winter locken Konzerthäuser, Kinos oder Museen mit vielerorts herausragendem Programm. Eine bewegende Ballettaufführung, etwa von der Weltklasse-Kompanie in Stuttgart, soll schon manchem über den Winterblues hinweggeholfen haben. Doch der könnte dieses Jahr übermächtig sein: Es drohen der Wintermantel im Konzert, die Wollmütze im Theater angezogen zu bleiben. Energie ist knapp.

Kulturpolitik befürchtet Schließungen aufgrund der Energiekrise

Müssen Kultureinrichtungen gar schließen? Vor solchen Szenarien warnt der Deutsche Kulturrat, der Dachverband aller deutschen Kulturverbände. Doch welche Folgen hat der absehbare Energiemangel auf die Kultur in der Region? Wer soll die rapide steigenden Strom- und Gaskosten bezahlen? „Das“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, „ist im Moment das drängendste Thema im Bereich der Kulturpolitik.“

Und der Deutsche Museumsbund rief dazu auf, „sich über konkrete Möglichkeiten zur Energieeinsparung Gedanken zu machen. Prüfen Sie in Ihren Häusern die spezifischen Klimaanforderungen und klären Sie, welche Maßnahmen für Ihr Museum möglich und sinnvoll sind, um effizient Energie einzusparen.“

Mit einem aktiven Beitrag zur Energieeinsparung könnten die Museen einer möglichen Schließung im Winter und einem drohenden Verteilungskampf entgegenwirken. Institutionen planen bereits ihren Betrieb im Krisenwinter.

Kultur muss sparen - Das sagen die Betreiber in der Region 

Tuttlinger Hallen

Michael Baur ist Geschäftsführer der Stadthalle Tuttlingen, des Kulturbetriebs der Stadt. Er sagt, „in der Angerhalle Tuttlingen-Möhringen sind wir vom Gas abhängig, was die Heizung anbelangt. In der Stadthalle Tuttlingen werden wir über ein Holzhackschnitzelkraftwerk mit Fernwärme versorgt.“ Man bereite sich auf Einsparszenarien vor, plane aktuell mit einer Reduzierung der Raumtemperaturen und einer möglichen Verschiebung von Terminen aus der Angerhalle in die Stadthalle. Alternative Energiequellen könne man in beiden Häusern auch technisch kurzfristig nicht installieren. Baur sagt, er fürchte, die Kultur spiele eine nachgeordnete Rolle und gehöre sicher zu den Bereichen, die als Erste „vom Netz genommen“ würden. Mit niedrigeren Temperaturen könnte sicher einiges an Energie gespart werden: „Wir sprechen von moderaten Absenkungen, die aber mit Blick auf die Energieeinsparung bereits einen Effekt erzielen. Nicht von dramatischen Veränderungen um fünf Grad oder mehr.“

Zehntscheuer Ravensburg

Das Veranstaltungszentrum wird von Michael Borrasch geführt. Weil es eine Gasheizung hat, könnte es im kommenden Winter durchaus zu Einschränkungen im Betrieb kommen. Borrasch sagt, „ich befürchte, die Kulturstätten wären mit als Erste von Rationierungen betroffen.“ Aktuell diskutiere man, welche Maßnahmen geeignet sind, in Herbst und Winter Strom und Wärme einzusparen, ohne den Betrieb einstellen zu müssen. Ganz ohne Heizung wird es wohl nicht gehen. Denn, so Borrasch, in der Zehntscheuer werde es dann „ungemütlich frisch, da der alte Schuppen ,nicht ganz dicht ist’“.

Staatstheater Stuttgart

Die Württembergischen Staatstheater Stuttgart beziehen laut Pressereferentin Vanessa Christodoulou Ökostrom und heizen den überwiegenden Teil ihrer Gebäude mit Fernwärme. Die Fernwärme stamme nach Angaben des Energieversorgers EnBW zur Hälfte aus Steinkohle. „Unsere Liegenschaften sind aufgrund der bestehenden Infrastruktur auf die Fernwärme angewiesen.“ An besonders kalten Tagen bräuchte es circa 20 Prozent Erdgasanteil in der Heizung. Christodoulou erklärt, „insofern kann es sein, dass wir an solchen Tagen mit einer etwas abgesenkten Raumtemperatur arbeiten müssten – nicht jedoch mit einem unbeheizten Haus.“ Der Proben- und Aufführungsbetrieb würde normal weiterlaufen. Müssten Raumtemperaturen dennoch abgesenkt werden, würde man das rechtzeitig kommunizieren, sodass das Publikum sich durch entsprechende Bekleidung vorbereiten könne.

Kunsthaus Bregenz

Das Kunsthaus Bregenz ist für die krisenhafte Winterzeit wohl gut gerüstet: Kommunikationschefin Martina Feurstein erklärt, das Haus habe eine aktivierte Schlitzwand mit Erdwärme und Erdkühlung und eine Wärmepumpe. Je nach Ausstellungsanforderung werde die Temperatur des Hauses eingestellt. Im Winter seien das meist um die 18 Grad.

Cineparc Ravensburg

Gallion Anastassiades ist Geschäftsführer des Kinos mit mehreren Standorten in Ravensburg. „Unsere Wärme kommt vom Heizöl, Gas war noch nie ein Thema und Strom erhalten wir teuer von einem regionalen Anbieter.“ Pläne zur Installation von Solarpanels auf dem Dach des Filmtheaters „Die Burg“ würden durch gesetzliche Auflagen derzeit leider verhindert. Kälte, erklärt Anastassiades, sei keine Option – im Kino arbeite man mit Lufterwärmung und stetiger Zufuhr eines Frischluftanteils, der sich nach der Besucheranzahl richte. Ein Teil der Wärme der „verbrauchten Luft“ könne man zwar durch Wärme-Rückgewinnungssysteme abfangen, dennoch, Energie werde immer gebraucht. Das Gebäude werde nur während des Vorstellungsbetriebs aufgeheizt. „Wir heizen die Kinos aber auch nicht auf 23-25 Grad auf. Es wird versucht, eine angenehme Temperatur von 20-22,5 Grad im Gebäude zu haben.“ Anastassiades sagt, natürlich könne es aus wirtschaftlichen Gründen geschehen, dass Preise angepasst, Vorstellungen reduziert oder eines der beiden Filmtheater vorläufig aus dem Betrieb genommen werden müsse.

Theater Ravensburg

„Unseren grünen Strom beziehen wir über die TWS und unsere Heizung ist eine Gasheizung“, erklärt Albert Bauer, Geschäftsführer des Theaters. Man sei gerade dabei, die Lichtanlage auf LED-Technik umzustellen. Dadurch werde der Stromverbrauch massiv reduziert. „Es gibt auch Überlegungen, das Theaterprogramm etwas zu reduzieren, um die Räumlichkeiten für den Besucherverkehr wie Saal und Café weniger beheizen zu müssen.“ Man befürchte, dass man als Kulturbetrieb bei einer Rationierung des Gases nicht als systemrelevant eingestuft werden würde und daher – wie bereits angekündigt – zu den Freizeiteinrichtungen zugeordnet werde. Eine Schließung könnte drohen. Bauer sagt, „rückläufige Zuschauerzahlen gibt es ja bereits jetzt schon, da viele Besucherinnen und Besucher noch Angst haben,sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten.“ Niedrigere Raumtemperaturen würden sicher nur wenige Zuschauer vom Besuch abhalten – sollte es aber keine Heizenergie mehr geben, so müsste man sicherlich den Spielbetrieb einstellen. „Vielleicht müssen wir dann neue ,Winter-Theaterformate’ outdoor entwickeln, um die Zeit bis zum Frühsommer mit einem vorgezogenem Freilichttheaterprogramm zu überbrücken.“

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