Wenn das Wort nicht über die Lippen kommen will

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Sprechen statt Schweigen: Martin G. hat seinen persönlichen Weg gefunden, mit dem Stottern umzugehen. (Foto: Bühler)
Schwäbische Zeitung
Jasmin Bühler
Crossmediale Redakteurin

Sätze wie „Sprich richtig“ und „Reiß dich zusammen“ sind Sätze, die schon einen normal sprechenden Menschen einschüchtern können – doch für stotternde Menschen sind sie eine Qual. „Man will ja, aber man kann nicht“, sagt Martin G. Der 54-Jährige, der aus einer Stadt im Südosten von Baden-Württemberg kommt und in Biberach arbeitet, stottert seit seiner Kindheit. Heute ist Welttag des Stotterns.

Angefangen hat die Redeflussstörung bei ihm im Kindergartenalter. Aus dem Entwicklungsstottern, das jedes Kind in dieser Zeit durchläuft, weil Sprechen und Denken noch nicht in Einklang stehen, ist bei Martin G. ein sogenanntes „chronisches Stottern“ geworden. Darüber, warum sich die kindliche Sprechstörung derart verfestigt hat, kann der 54-Jährige heute nur Vermutungen anstellen: „Vielleicht liegt es daran, dass meine Eltern dem kindlichen Stottern zu viel Aufmerksamkeit geschenkt und falsch darauf reagiert haben“. So bewirke man beispielsweise mit der Aufforderung langsam und korrekt zu sprechen oder mit der Angewohnheit, Wörter zu verbessern und Sätze zu vollenden bei Stotterern nur das Gegenteil: Nämlich, dass sie sich ihrer Sprechprobleme erst recht bewusst werden und folglich nervöser und gehemmter werden. Stotterer spielt Hauptrolle

Doch gab es in dem Leben des Betroffenen ein zentrales Ereignis oder vielmehr eine zentrale Person, die ihm half, mit seiner Besonderheit besser umzugehen. Denn als Martin G. in die Schule kam, erklärte sein Grundschullehrer den anderen Schülern, dass er zwar stottere, sonst aber ein normales Kind sei wie jedes andere. „Dieser Lehrer war für mich ein Glücksfall“, sagt G., „denn er hat die anderen auf mein Stottern hingewiesen, ohne es zu dramatisieren und mir so die Angst genommen“. Dieser Lehrer war es auch, der ihm mit den Mut machenden Worten „Das schaffst du schon“ die Hauptrolle des Prinzen in einer Dornröschen-Aufführung verpasste. „Eigentlich wollte ich einen Dornbusch spielen, weil man da nichts sagen musste, aber das war nicht drin“, sagt G. lachend.

Dank dieser und ähnlicher Erfahrungen habe er Selbstbewusstsein gelernt, sagt der 54-Jährige weiter. So habe er auch später als Realschüler die Schauspielerei fortgeführt und war in verschiedenen Sport- und Freizeitvereinen aktiv. „Ich war ein sehr kontaktfreudiges Kind“, erzählt er und ergänzt: „Für einen Stotterer ist es das Allerwichtigste, sich nicht zu isolieren“.

Sprachtherapien hat Martin G. in seinem Leben nur zweimal und nur für kurze Zeit besucht. Stattdessen trat er mit 29 Jahren einer regionalen Selbsthilfegruppe für Stotterer bei, der er heute noch angehört. Dank des gelasseneren Umgangs mit seinem Stottern und verschiedener Sprechtechniken hat es Martin G. geschafft, dass die Störung seines Redeflusses nur noch selten auftritt. Beim Sprechen achtet er darauf, ruhig und bedächtig zu sprechen und Sprechpausen einzulegen. „Die Zeiten, in denen ich es mit den typischen Stotterer-Tricks versucht habe und bestimmte Wörter umgangen habe, die für mich schwer auszusprechen sind, gehören der Vergangenheit an“, sagt er.

Trotz der Verbesserungen existiere natürlich immer eine latente Angst und es gebe immer wieder Situationen, in denen das Stottern schlimmer werde. So zum Beispiel bei Telefonaten, bei denen man den Gesprächspartner nicht sieht oder bei Vorstellungsgesprächen. „Und auch das Lernen von Fremdsprachen ist nicht einfach“, sagt der selbstbewusste Stotterer, der derzeit einen italienischen Sprachkurs besucht: „Die neuen Wörter und Sätze sind eine Herausforderung, vor allem wenn man sie in der Gruppe vorlesen muss – da kommen Erinnerungen aus der Schulzeit hoch, wenn einen 30 Augenpaare angucken und man bekommt nichts raus.“

Richtig ärgerlich wird der sonst so ruhige Martin G. allerdings bei dem gängigen Vorurteil, Stotterer seien dumm. „Stottern hat nichts mit Intelligenz zu tun“, stellt er klar. Außerdem gebe es viele verschiedene Varianten und Verlaufsmöglichkeiten des Stotterns, weshalb man seine persönliche Geschichte nicht auf alle Fälle übertragen könne: „Es gibt die einen, denen ich mit meinen Erfahrungen Mut machen kann, aber ich möchte gleichzeitig die anderen, die eine komplett andere Geschichte haben als ich, nicht entmutigen, in dem ich sage: ‚Schaut her, so muss es laufen‘“, betont er. Vielmehr müsse jeder seinen eigenen Weg finden.

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