Wenn alles schrumpft und nur die Ohren wachsen

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Deutsche Presse-Agentur

Oma, warum hast Du so große Ohren? Dass es sich bei den mitunter recht langen Hörorganen von Senioren nicht um Einbildung handelt, hat jüngst eine Studie zu den Körpermaßen älterer Menschen bestätigt.

Während der Rest des Körpers bis zum 70. Lebensjahr schrumpft oder in die Breite geht, wächst die Ohrmuschel weiter. Die Knorpelzellen seien im Alter teilungsfreudiger als der Rest der Körperzellen, sagt der Dortmunder Koordinator der Studie, Heiner Müller-Arnecke.

100 Körper von Männern und Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren hat die Potsdamer Uni im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit Sitz in Dortmund vermessen. Neben den Ohren legten die Forscher ihren Zollstock an Bauch, Rücken, Kopf, Armen, Händen und Beinen an. Erstmals liegen damit nun Daten über die Entwicklung des menschlichen Körperbaus bis zum 70. Lebensjahr vor. So sind der Brustkorb und die Taille bei der Gruppe der 60- bis 69- Jährigen durchschnittlich bis zu vier Zentimeter breiter als bei den 20- bis 29-Jährigen und die Körperlänge schrumpft um bis zu fünf Zentimeter. Ein Stuhl, auf den sich ein 69-Jähriger setzt, muss bis zu zwei Zentimeter breiter sein als für einen 29-Jährigen.

Ein Teil dieser Unterschiede hänge damit zusammen, dass die Menschen allgemein größer werden, sagt Müller-Arnecke. Trotzdem lautet die Tendenz: Je älter, desto kleiner, dicker und unbeweglicher. Gleichzeitig bewegen sich die Älteren langsamer. „Sie haben sozusagen eine längere Leitung“, sagt Müller-Arnecke. Bedeutsam sind die Daten insbesondere für die Industrie. Diese kann sich bei der Gestaltung von Kopierern, Waschmaschinen und Kopfhörern bisher nur an Maßen von Jüngeren orientieren.

„Die Gesellschaft und vor allem die Hersteller von Produkten müssen sich auf die veränderten Körper einstellen“, fordert Müller-Arnecke. Nur für Junge zu produzieren sei nicht der richtige Weg. Schließlich wird die Zahl der über 65-Jährigen im Jahr 2050 auf 23 Millionen steigen. Dann geborene Jungen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,5 Jahren, Mädchen von 88 Jahren. Zehn Millionen über 80-Jährige werden 2050 in Deutschland leben. Heute sind es knapp vier Millionen.

Bisher gebe es nicht genug Firmen, die bei ihrer Produktion darauf achten, ob etwa Schutzhelme, Drehverschlüsse von Gemüsegläser und Handys für die wachsende Gruppe der älteren Menschen geeignet sind. „Wir bestehen der Industrie gegenüber darauf, dass zum Beispiel Tastaturen entsprechend angepasst werden“, sagt Müller-Arnecke. Die Studie zeigt, dass im Alter vor allem Zeigefinger und Daumen, aber auch die ganze Hand breiter werden. So müssten Arbeitgeber auch die Schreibtische von älteren Beschäftigten anders gestalten.

Bisher scheitere das häufig am Geld. Weil die Produkte noch nicht in Massen produziert würden, seien sie meist sehr teuer, sagt der Geschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (Berlin), Volker Nickel. „Wir werden in den kommenden Jahren sehen, dass neue Produkte auf den Markt kommen, die die demografische Entwicklung widerspiegeln.“ Größere Schriftgrade in Büchern, elektronisch bedienbare Sessel und kleinere Autos seien erste Anzeichen - auch wenn die jeweilige Werbung Ältere nicht explizit anspricht. Nickel warnt: „Ein 'Seniorentelefon', das funktioniert nicht, weil die Leute gar nicht als Ältere angesprochen werden wollen.“ Denn egal, welche Bände das Spiegelbild spricht: Oma und Opa wollen laut Nickel von der Werbung mindestens zehn Jahre jünger angesprochen werden, als sie sind.

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: www.baua.de

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