Weniger funktionieren, mehr leben

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„Es wird immer anstrengender, unsere komplexe Welt zu begreifen“, mein Joachim Kunstmann in seinem Vortrag.
„Es wird immer anstrengender, unsere komplexe Welt zu begreifen“, mein Joachim Kunstmann in seinem Vortrag. (Foto: Rainer Kössl)
Schwäbische Zeitung
Rainer Kössl

Bad Waldsee - Die Telefonseelsorge, das Auszeithaus und die Franziskanerinnen vom Kloster Reute hatten eingeladen zu einem Vortrag des Religionspädagogen Joachim Kunstmann zum Thema „Funktionierst du noch oder lebst du schon“.

Die These, die der Hochschullehrer an den Anfang seiner Ausführungen setzte, war ernüchternd: „Unsere Kultur gerät im Augenblick in eine Schieflage. Irgendetwas stimmt mit den grundsätzlichen Voraussetzungen und Parametern unseres Lebens nicht mehr.“ Kunstmann war so frei, die literarischen Quellen seiner Analyse zu nennen. Die Buchtitel allein, sämtliche auch Bestseller, waren schon schockierend genug: „Das erschöpfte Selbst“, „Das falsche Leben“, Müdigkeitsgesellschaft“ und „Der überflüssige Mensch“.

„Was ist Ihnen am wichtigsten in Ihrem Leben?“, wurden Menschen aller Altersstufen und sozialen Schichten in mehreren repräsentativen Umfragen gefragt. Die Antworten waren verblüffend einheitlich. Autonomie, Selbstverwirklichung, Freiheit stehen unangefochten an erster Stelle. Der Mensch der Neuzeit möchte machen, was er will. Ob dem modernen Menschen diese seit den Zeiten der Aufklärung erkämpften Möglichkeiten auch zum Heil gereichen dies stellte der Referent in Frage. Er verwies auf den Bericht einer australischen Krankenschwester, die über lange Jahre krebskranke Menschen begleitet habe. Was sie denn anders machen würden, wenn sie nochmals leben würden, fragte sie die Sterbenden. An dritter Stelle nannten die Patienten: Ich hätte mehr Gefühle zeigen sollen. An zweiter Stelle: Ich hätte weniger arbeiten sollen. Am wichtigsten aber war ihnen im Rückblick auf ihr Leben der Wunsch: „Ich hätte mehr mein Leben leben sollen.“ Also weniger „funktionieren“ ist gefragt und mehr „leben“.

Das Glaubensbekenntnis der Moderne „ich bin frei und alles ist möglich“ sei, so der evangelische Theologe, eine Illusion. Dem er ein „wir sind nicht frei und es ist nicht alles möglich“ entgegensetze. Der Christ Kunstmann bekennt: „Die einzig kluge Antwort auf diese inhumanen Konstellationen lautet für mich: Religion“. Er zitiert seinen Kollegen Johann Baptist Metz: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechen“. Will heißen: Pausen machen zum Gebet, die Muße pflegen, Pilgern, Fasten, Schauen, Atmen, die Stille pflegen. Die biblischen Figuren von Adam im Paradies bis zu Petrus am Berg Golgatha waren keine Helden und keine Heiligen. „Aber Menschen, die sich verdankt wussten“.

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