Weihwasserbaden und Frauenpower am Weibermarkt

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 Was bringt das Jahr 2019 für Riedlingen und die Umgebung. Ein nicht ganz ernst gemeinter blick in die Kristallkugel verrät es.
Was bringt das Jahr 2019 für Riedlingen und die Umgebung. Ein nicht ganz ernst gemeinter blick in die Kristallkugel verrät es. (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Was bringt das Jahr 2019 der Stadt Riedlingen und der Region? Die Redakteure der Schwäbischen Zeitung haben einen Blick in die Kristallkugel gewagt und geben einen nicht ganz so ernst gemeinten Ausblick auf mögliche Ereignisse in diesem Jahr.

Januar: Es schneit und schneit. Während sich die Donau nach einem unendlich trockenen 2018 langsam wieder mit Wasser füllt, türmen sich auf der Schwäbischen Alb die Schneeberge. Besonders in Pistre schneit es, als würde Frau Holle Überstunden machen. Endlich ist klar, dass hier der höchste Punkt des Landkreises ist. Das soll touristisch genutzt werden. Vereine legen eine Schneebar an, ein Gastwirt aus einer Nachbargemeinde eröffnet ein Schneehotel. Die Gemeinde Langenenslingen stellt im Eilverfahren einen Antrag auf Anerkennung als Luftkurort.

Februar: Sie ist zurück. Alice Acker aus Burladingen, die schon bei der Kandidatenvorstellung im Kurzentrum ihr Showtalent unter Beweis stellte, hat ihre Erfahrungen aus dem Buchauer Bürgermeisterwahlkampf 2018 zu einem Musical verarbeitet. Mit ihrer „Alice im Wählerwunderland“-Tour macht sie erneut Station am Federsee – und erlebt einen überraschenden Durchbruch. Eigentlich sind die Buchauer eher aus Neugierde zu Hunderten in den großen Saal des Kurzentrums geströmt. Doch die Songs „Verlieren, verschroben, vergessen, verzeihn“, „Ein Stimmzettel, der meinen Namen trägt“ und „Wenn die Caprisonne im Federsee versinkt“ erweisen sich als wahre Ohrwürmer. Die Stimmung kocht! Und als die elektrisierende EDV-Administratorin ihren großen Hit „Giving next vote to Alice“ anstimmt, fällt der ganze Saal mit ein. Aus Hunderten von Kehlen ertönt es: „Alice! Alice!...“ Und so siegt Alice Acker doch noch – als „Bürgermeisterin der Herzen“.

März: Dürmentingen hat überraschenderweise den Goldstatus beim Energy Award erhalten. Alle Rathausmitarbeiter dürfen jetzt nur noch das Fahrrad benutzen, der Bürgermeister reist mit dem Pferdegespann, und der Bauhof hat seinen Fuhrpark auf Schubkarren reduziert. Die Feuerwehr rückt mit Elektrolöschfahrzeugen (ELF) aus, darf aber keine engergieaufwendigen Signaleinrichtungen mehr benutzen. Stattdessen muss die Mannschaft während der Einsatzfahrt „Tatütata“ und „Blaulicht“ rufen. Um die verschärften Kriterien einzuhalten, wird in der energetisch sanierten Sporthalle nur noch bei Tageslicht trainiert, und für Abendveranstaltungen wurden Nachtsichtgeräte angeschafft. Die Mittel dafür kommen aus dem Verkauf von Strom, der am Stausee beim Neubaugebiet „Mittelösch II“ gewonnen wird.

April: Endlich ist der Tag der Eröffnung des Riedlinger Hallenbads gekommen. Ganze Heerscharen an Bürgern stolzieren mit der Prominenz in den neuen schmucken Neubau. Viele haben schon ihr Badezeug dabei, um sogleich in die nassen Fluten zu hüpfen. Doch bei der offiziellen Segnung dann das Malheur: Als Pfarrer Walter Stegmann mit einem ganzen Pott voll Weihwasser das Bad segnen will, rempelt aus Versehen Bürgermeister Marcus Schafft den auserwählten Wasserkesselträger, Regierungspräsident Klaus Tappeser, an. Der komplette Pott an ergießt sich in das Becken. Die Verunsicherung ist groß: Ist ein Schwimmen in geweihtem Wasser überhaupt erlaubt oder verstößt dies gegen kirchliche Regeln? Das Bad muss nochmals geschlossen werden, bis eine Anfrage bei der Diözese grünes Licht gibt. In der Zwischenzeit hat sich dieses Malheur auch in weiten Christenkreisen der Region herumgesprochen. Das Wort vom „Weihwasserschwimmen“ macht die Runde und vor dem Eingang bilden sich lange Schlangen. Riedlingen macht daraus ein Geschäftsmodell und kippt auch weiterhin jede Woche einen Kessel nach, um die Besucherzahlen hoch und die Defizite klein zu halten.

Mai: Festtage für die SRH Fernhochschule, die in ihren Neubau in die Kirchstraße einziehen kann. Doch zurück am Weibermarkt bleiben viele leere Geschäfte und Häuser. Eine Frauenrechtsorganisation, die davon erfährt ist empört: Typisch, so das Urteil der Frauen, und ein weiterer Beleg für die zu brechende Dominanz der Männer, dass ausgerechnet ein „Weibermarkt“ wirtschaftlich darniederliegt. Dagegen machen die Frauen Front. Über ein Crowdfunding im Internet kommt so viel Geld zusammen, dass sich Frauen kostenlos in die leeren Gebäude einmieten können: So finden sich Designerinnen, Kunsthandwerkerinnen, Textilhändlerinnen und Künstlerinnen zu einem Netzwerk zusammen. Und die Mitarbeiter des Digital Hub, die ins Wegscheiderhaus ziehen, liefern das Know-how für die Internetvermarktung. Dazu findet jeden Monat auf dem Weibermarkt ein Kreativ- und Handwerksmarkt statt. Die Geschichte brummt, der Weibermarkt wird zur florierende Geschäftsmeile der Stadt.

Juni: Der Schnee in Pistre ist wieder weg. Aber dank der Hilfe einiger gewiefter Knaschtbrüder aus Ittenhausen bleibt Pistre auch im Frühjahr noch der höchste Punkt im Landkreis. Bei Nacht und Nebel haben die Jungs Bodenaushub von Ittenhausen nach Pistre gekarrt und somit die Schwäbische Alb ein bisschen höher gemacht. Sicher ist sicher. Auch der Antrag auf Anerkennung als Luftkurort ist durch. Das Regierungspräsidium gibt grünes Licht für „Bad Pistre“. Hotels und Gesundheitsbäder sollen auf der Albhochfläche entstehen. Der Gemeinderat kommt mit der Genehmigung der Bauanträge kaum noch nach. Auch der angrenzende Landkreis Sigmaringen wird hellhörig und will einen Teil des touristischen Kuchens abhaben. Statt Windräder in Kettenacker zu planen, soll ein Baumwipfelpfad entstehen. Das wiederum ruft die Naturschützer auf den Plan. Scharen von Touristen stören den Milan ebenso wie Windräder. Es kommt zur Großdemo.

Juli: Der Unlinger Musikverein richtet das Kreismusikfest der Blasmusiker aus und hat dabei den Dreh raus. Einiges hat man sich im Vorjahr bei den Ertingern abgeschaut, will die Nachbarn aber noch toppen. Weil die drehbare Bühne allein nicht extravagant genug erschien, dreht sich auch noch das Festzelt – und zwar nicht erst nach der fünften Maß wie in Ertingen. Die Bussenstadt hat sich inzwischen zur reichsten Gemeinde im Landkreis gespart. Und mit dem Geld, das man nicht für ein Schwimmbad ausgegeben hat, wurde eigens für das große Fest auch ein schöner hölzerner Turm als Wahrzeichen gebaut. Der Bürgermeister kann weiterhin als Burgherr amtieren.

August: Im Riedlinger Rathaus herrscht noch immer Fassungslosigkeit. Die Kommunalwahl vom Mai stellt die Verwaltung vor schier unlösbare Probleme. Eigentlich hätten 24 Räte gewählt werden sollen, doch durch Ausgleichssitze wird der Rat nicht nur auf 36 Mandatsträger wie 2014, sondern auf 48 aufgebläht. Jeder der auf einer der Kandidatenlisten stand, findet sich an einem kleinen Eck des Ratstischs wieder. Doch der ist für Sitzungen definitiv zu klein. Zunächst werden die Zuhörer des Raumes verwiesen. Sie müssen künftig hinter der Glasscheibe im Foyer des Rathauses Platz nehmen, was insofern kaum ein Problem ist, weil die meisten Themen eh nichtöffentlich diskutiert werden. Sitzungen dehnen sich, weil nun noch mehr Räte ihren Beitrag leisten wollen, bis weit nach Mitternacht aus. Im nächsten Schritt wird über Skype-Sitzungen nachgedacht, doch letztlich einigt man sich nach einer dreitägigen Dauerdiskussion, auf einen Neubau, um das Platzproblem zu lösen: Ein Glashaus – der Transparenz wegen – auf dem Marktplatz soll es sein. Die passenden Steine werden auch gleich mitgeliefert. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro. „Demokratie hat eben seinen Preis“, so die Ratsmehrheit.

September: Lange haben die Offinger kopfschüttelnd dem Treiben in Pistre zugeschaut – doch nun ist Handeln angesagt! Bad Pistre als höchster Punkt im Landkreis Biberach?! Diese Schmach will man auf dem heiligen Berg Oberschwabens nicht auf sich sitzen lassen! Zumal die Offinger nun schon die Stelle des Bussenpfarrers eingebüßt haben! Wallfahrten gibt es aber nach wie vor auf dem Bussen. Und so starten die findigen Offinger die Aktion „Unser heiliger Berg soll höher werden“. Unter dem Motto „Boden für den Bussen“ ist jeder Gläubige dazu aufgerufen, zur Bussenwallfahrt ein Eimerchen Erde mit sich zu führen, das in einer feierlichen Zeremonie hinter die Wallfahrtskirche geschüttet wird. Nach und nach wächst der Bussen weiter in die Höhe – auch deshalb, weil es unter besonders frommen Pilgern bald Sitte wird, ihre Verbundenheit zum Bussen durch eine Schubkarre voll Kies oder einen ganzen Rucksack mit Schotter auszudrücken.

Oktober: Bereits im Frühling haben die Buchauer ihre neue Tourismuskonzeption ausgetüftelt. Und tatsächlich: Das Geschäft mit dem Fremdenverkehr brummt. Der einzige Wermutstropfen: Aus der größten touristischen Attraktion Bad Buchaus – dem Wackelwald – lässt sich bislang kein Kapital schlagen. Doch jetzt ist Schluss mit dieser „Umsonst“-Mentalität! Vorbild ist die Lagunenstadt Venedig, die ja mittlerweile auch schon Eintrittsgelder von den Touristen verlangt. Die Moorochsen, die sich Anfang des Jahres schon durch ein bestens organisiertes Jubiläumsringtreffen hervorgetan haben, erklären sich dazu bereit, sich am Zugang zum Wackelwald als Türsteher zu postieren. Und weil sie schon bei ihren Fasnetsveranstaltungen einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Thema Alkohol pflegen, führen sie auch am Wackelwald Alkoholkontrollen ein. Jeder muss erst ins Röhrchen pusten. Und ab 1,1 Promille heißt es „Du kommsch da net rein!“ Denn in diesem Zustand muss eh niemand mehr in den Wackelwald, um die Bäume schwanken zu sehen.

November: Noch immer wird in Pistre demonstriert. Die Einwohnerzahl hat sich vervielfacht – die Naturschützer haben sich auf der Albhochfläche niedergelassen. Sie leben in Zelten und Hütten. Allerdings hat sich die Aufgeregtheit ein bisschen gelegt. Während die Naturschützer tapfer ihre Demo-Schilder in den eisigen Wind halten, werden sie von den Einwohnern des kleinen Weilers mit Tee und Kuchen versorgt. Man kennt sich mittlerweile, es haben sich Freundschaften entwickelt. Sonntags gibt’s Frühschoppen mit Blasmusik und montags wird wieder demonstriert. Den Rest der Woche sinniert man gemeinsam darüber, wie schön ruhig das Leben doch früher war.

Dezember: Die Gemeinde Ertingen ist jetzt endlich Gigabit-Gemeinde. Das Geld, das andere Gemeinden in Leerohre für die Kabelverlegung am St. Nimmerleinstag investieren müssen, kann Ertingen in die Erschließung riesiger Gewerbeflächen stecken. Die sind hier jetzt gefragt – wer will als Unternehmer nicht in Highspeed im Netz unterwegs sein? Die neu eröffnete Poststelle konnte gleich wieder geschlossen werden. In Ertingen schreibt keiner mehr analoge Briefe wie die Einwohner im Teilort Binzwangen. Niemand muss sich mehr mit schweren Postsendungen abplagen. Selbst riesige Datenpakete kommen noch am selben Tag an. Außer in Binzwangen. Dort hat der Sportverein einen Fahrradkurierdienst eingerichtet.

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