Weihnachtsboten im Stress: Rentiere

Kerstin Viering

Wird der Weihnachtsmann künftig auf einen Motorschlitten umsteigen müssen? Fachleute halten das durchaus für möglich. Denn die traditionellen Zugtiere des Geschenkelieferanten haben mit einer ganzen Reihe von Problemen zu kämpfen, viele Bestände schrumpfen. Nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF trotteten beispielsweise im Jahr 2000 noch bis zu einer Million wilde Rentiere über die Taimyr-Halbinsel in Sibirien. Nicht einmal zwanzig Jahre später waren es nur noch rund 380 000.

Ähnliche Trends gibt es mancherorts auch bei den nordamerikanischen Artgenossen, den Karibus. So bestand die Rivière George Herde im Norden der kanadischen Provinz Québec in den 1980er-Jahren noch aus etwa 800 000 Tieren, inzwischen sind es nur noch 8000. Weltweit sind die Bestände nach Angaben des WWF zwischen 1993 und 2018 um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Neben der Wilderei sieht die Organisation vor allem den Klimawandel als Gefahr für die Hirsche des hohen Nordens.

Wissenschaftler schauen in die Arktis

Was aber bedeuten die steigenden Temperaturen tatsächlich für den Alltag der Rentiere? Wie reagieren sie darauf? Und was könnte das für ihre Zukunft bedeuten? „Bis vor Kurzem konnten wir solche Fragen kaum beantworten“, sagt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell. Doch das beginnt sich zu ändern. Denn Rentiere und etliche andere Arktisbewohner stehen inzwischen unter intensiver Beobachtung. Mithilfe von Sendern und Messgeräten können Wissenschaftler ihre Bewegungen manchmal über Jahre hinweg verfolgen. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt hat Sarah Davidson aus Martin Wikelskis Team das „Arctic Animal Movement Archive” gegründet, das die Daten aus solchen Studien zusammenträgt. „Mit deren Hilfe können wir nun ein Fenster in die Welt der Arktis aufstoßen und schauen, was dort tatsächlich passiert“, sagt Martin Wikelski.

Elie Gurarie von der University of Maryland und seine Kollegen haben sich zum Beispiel den Karibus im Norden Kanadas an die Hufe geheftet. Wobei es „die Karibus“ eigentlich gar nicht gibt. Denn genau wie ihre Artgenossen in Europa und Asien pflegen auch diese Tiere je nach Region einen sehr unterschiedlichen Lebensstil. Da gibt es sesshafte Einzelgänger, die ihr ganzes Leben in einem bestimmten Wald oder Gebirge verbringen und vor allem zur Kalbungszeit nicht viel für Gesellschaft übrig haben. Andere dagegen leben in riesigen Herden zusammen und wandern über gewaltige Distanzen.

Im Winter leben sie in den nordischen Wäldern, im Frühjahr legen sie Tausende von Kilometern zurück, durchschwimmen reißende Flüsse und manchmal sogar arktische Meerengen, um rechtzeitig ihre Kinderstuben in der baumlosen Tundra zu erreichen. Dort gebären sie ihre Kälber und verbringen den Sommer, bevor sie sich im Herbst wieder auf den Rückweg machen.

Weitwanderer per GPS überwachen

„Biologen und Angehörige der First Nations versuchen zum Teil schon seit mehr als 30 Jahren, die Geheimnisse dieser Weitwanderer zu ergründen“, sagt Elie Gurarie. Normalerweise stellen die Fachleute den Tieren dazu mit Hubschraubern nach und schießen aus der Luft ein Netz auf sie ab. So versuchen sie, wilde Karibus unverletzt einzufangen und ihnen ein Halsband mit einem GPS-Sender umzulegen. Dieser fällt nach ein paar Jahren von selbst ab. Bis dahin aber verrät er genau, wann sich sein Träger wo aufgehalten und welche Strecken er unter die Hufe genommen hat. An bestimmten Bewegungsmustern lässt sich sogar ablesen, wann die trächtigen Weibchen innegehalten haben, um ihre Kälber zu gebären. Genau solche Daten haben Elie Gurarie und sein Team ausgewertet, um möglichen Verhaltensänderungen auf die Spur zu kommen. Für 928 Karibus konnten sie so bestimmen, wann sie zwischen 2000 und 2019 ihren Nachwuchs zur Welt gebracht haben. Dabei zeigten alle nördlichen sesshaften Populationen und alle Weitwanderer einen Trend zu früheren Geburtsterminen. Gerade im Norden, wo die Veränderungen durch den Klimawandel am stärksten sind, scheinen sich die Tiere also bereits auf den immer zeitiger beginnenden Frühling einzustellen.

Allerdings entscheiden wohl nicht die Verhältnisse zur Zeit der Geburt darüber, wann der Nachwuchs zur Welt kommt. Wichtiger ist die Situation in der kalten Jahreszeit. Denn je besser die Karibu-Mütter genährt sind, umso kürzer fällt in der Regel ihre Tragezeit aus. „Vielleicht sind die früheren Geburtstermine also Ausdruck eines besseren Nahrungsangebots im Herbst und Winter“, vermutet Elie Gurarie.

Für die Kälber könnte ein solcher Frühstart jedenfalls von Vorteil sein, weil ihnen so den Sommer über mehr Zeit zum Wachsen bleibt. Andererseits kann ein zu früher Geburtstermin gerade für wandernde Karibus auch gefährlich werden. Denn früh im Jahr herrschen oft schlechte Wanderbedingungen mit Massen von nassem Schnee. Da kommen die werdenden Mütter womöglich nicht rechtzeitig in den traditionellen Kinderstuben in der Tundra an, wo sie reichlich Futter finden und weniger Raubtiere und lästige Insekten lauern als anderenorts. Ein Kalb, das irgendwo unterwegs geboren wird, hat vermutlich schlechtere Überlebenschancen.

Welche Probleme der Klimawandel bringt

Das ist aber nicht das einzige Problem, vor dem die Tiere künftig wohl häufiger stehen werden. Der Klimawandel könnte noch weitere Schwierigkeiten mit sich bringen. Zum Beispiel mehr Waldbrände. Oder mehr Konkurrenz durch Elche und Wapiti-Hirsche, die mit steigenden Temperaturen weiter nach Norden vordringen dürften. Vor allem aber könnten die Wochen zwischen Ende Juni und Mitte Juli noch unerträglicher werden als bisher. „Wegen der Stechmücken ist das für Karibus die schwierigste und tödlichste Zeit des Jahres“, erklärt Elie Gurarie. Um den Attacken der fliegenden Vampire zu entgehen, sind die Tiere ständig in Bewegung und verbrauchen dabei sehr viel Energie. Vor allem in heißen und windstillen Jahren, wenn die Plage besonders schlimm ist, kommen sie kaum zum Fressen. „Wenn sich solche Jahre in Zukunft häufen, wäre das für die Karibus also der pure Stress“, meint der Forscher.

Trotzdem ist er ziemlich sicher, dass die Art mit einer wärmeren Zukunft zurechtkommen könnte. Sie habe im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte schließlich schon etliche Klimaveränderungen überlebt. Und sie verfüge nicht nur über ein riesiges Verbreitungsgebiet, sondern sei auch recht anpassungsfähig. Linda Williamsen und ihre Kollegen von der Universität für Umwelt und Biowissenschaften in Ås bei Oslo haben zum Beispiel beobachtet, dass die besonders kälteliebenden Rentiere auf Spitzbergen gezielt Ruheplätze auf Schnee oder sonstigem kaltem Untergrund aufsuchen, wenn es ihnen im Sommer zu warm wird.

„Die größte Gefahr für Rentiere und Karibus sind tatsächlich nicht die steigenden Temperaturen, sondern die Aktivitäten des Menschen“, ist Elie Gurarie überzeugt. Ob durch Straßen- oder Bergbau, immer neue Gas-Explorationen oder das Öffnen der arktischen Häfen: Der hohe Norden verändert sein Gesicht. Es wird unfreundlicher für die Geweihträger, die dort seit Jahrtausenden leben. Und für den Weihnachtsmann auf der Suche nach gutem Zugpersonal.

Rentiere und Karibus: Was sie ausmacht

Die nordamerikanischen Karibus und die eurasischen Rentiere gehören zur gleichen Art Rangifer tarandus. Sie leben in der Taiga und der baumlosen Tundra und trotzen den Herausforderungen ihres harschen Lebensraums mit einer Reihe von speziellen Anpassungen.

Auf ihren breiten, spreizbaren Hufen laufen sie zum Beispiel problemlos über Schnee und Sumpf. Ein besonderer Fettstoffwechsel erlaubt es ihnen, Zeiten mit knapper Nahrung gut zu überstehen. Auch etliche Gene, die den Tagesrhythmus steuern, haben sie verändert. Das ermöglicht es ihnen, ihre innere Uhr flexibler laufen zu lassen, sie also an den Wechsel zwischen nie untergehender Sonne und wochenlanger Polarnacht anzupassen. Zudem arbeitet der Vitamin-D-Stoffwechsel effektiver als etwa bei Ziegen oder Rehen. Dadurch droht auch im düsteren Winter kein Mangel an diesem für ein gesundes Knochenwachstum wichtigen Vitamin, die Tiere können in dieser Zeit sogar ihre Geweihe wachsen lassen.

Karibus und Rentiere sind die einzigen Mitglieder in der Familie der Hirsche, bei denen sich beide Geschlechter einen solchen Kopfschmuck zulegen. Und sie sind auch die einzigen Vertreter ihrer Verwandtschaft, die domestiziert wurden. Das gilt allerdings nur für die Rentiere in Europa und Asien, ihre nordamerikanischen Artgenossen sind wild geblieben. Auch in Eurasien leben aber noch wilde Rentiere, vor allem in Russland gibt es riesige Herden. Dazu kommen noch sesshafte wilde Artgenossen in Russland und Finnland.

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