Warum eine Tuttlingerin seit 13 Jahren in London lebt – und was sie mit ihrer Heimat verbindet

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Tanja Gihr in roter Hose und weißer Bluse
Vor 13 Jahren ist Tanja Gihr nach London gezogen. Eigentlich wollte sie nach zwei Jahren nach Tuttlingen zurück kommen. (Foto: Simon Schneider)
Simon Schneider

Vor rund 13 Jahren hat Tanja Gihr ihre Koffer gepackt und ist von Tuttlingen nach London gezogen, wo sie bis heute wohnt. Darüber hat die heute 41-Jährige anlässlich unserer Serie „rausg‘schmeckt“ mit Simon Schneider gesprochen. Dabei ging es um ihre Jugend in der Region, wie sie in die Weltmetropole gekommen ist; sowie darüber warum sie ihr Leben dort so sehr schätzt.

Frau Gihr, Sie sind in Villingen geboren, in Tuttlingen aufgewachsen und in der Schildrainschule sowie im Immanuel-Kant-Gymnasium zur Schule gegangen. Wie haben Sie Ihre Schul- und Jugendzeit in Erinnerung?

Ich habe meine Schulzeit sehr gut in Erinnerung, die mir meist auch Spaß gemacht hat. Ich hatte schon immer einen großen Freundeskreis und habe gerne etwas in der Gruppe gemacht. Ich war immer aktiv in der Jungschar. Dort bin ich zuerst selbst hingegangen und habe später eine Gruppe geleitet und damit die Wochenenden auf dem Kraftstein verbracht sowie das ein oder andere Zeltlager im Sommer. Als ich älter wurde, war ich ein großer Fan von den Städtle- und Weinfesten. Dort bin ich häufig mit dem Rad hingefahren und habe viele Leute getroffen. Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir erst klar, wie behütet ich aufgewachsen bin.

Wie kam es dann dazu, dass Sie das Weite gesucht haben?

Ich war schon immer neugierig und hatte den Drang neue Dinge zu lernen und neue Kulturen kennenzulernen. Daher war mir klar, dass ich mal raus wollte.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt, dass ihre Tochter ins Ausland ziehen möchte?

Mein Vater hatte damals seine Bedenken, ob das mit der kleinen Tochter was werden würde und hat damals mit der Idee geliebäugelt, dass ich in der Firma, in der er gearbeitet hat, ein BA-Studium machen könnte. Aber das wäre für mich zu nah am Zuhause gewesen. Daher habe ich mich anderweitig umgesehen und bin zunächst mit einem Studium in Ravensburg und Reutlingen dem Schwabenland treu geblieben

Haben Sie während Ihres Studiums auch das Ausland kennenlernen dürfen?

Ja, für ein knappes Jahr bin ich in die USA nach Michigan gezogen, um meinen Master of Business Administration zu machen. Das war nach vielen Schüleraustauschen und mehreren Reisen das erste Mal, dass ich für einen längeren Zeitraum im Ausland gewohnt habe.

Wie kam es dann dazu, dass Sie nach London ausgewandert sind?

Im Januar 2005 habe ich bei der Barclays Bank in Frankfurt angefangen. Im Zuge des Traineeprogramms dort habe ich damals ein paar Monate in London verbracht, wobei ich nicht viel von London gesehen habe, da ich als Neuling in der Finanzbranche, ausgelastet war. Anfang 2006 hat mir die Bank eine Arbeitsstelle in London angeboten und da habe ich nicht lang gezögert. Ich habe meine neuen Möbel und mein Auto in Frankfurt verkauft und die Umzugsfirma bestellt. Angedacht waren zunächst bis zu zwei Jahre.

Daraus sind jetzt aber 13 Jahre geworden. Was gefällt Ihnen in London so gut, dass Sie es Tuttlingen vorziehen?

London ist super international und weltoffen. Nach drei Jahren habe ich Freunde gefunden, die wirklich in London geboren wurden. Die anderen sind internationale Freunde. Das finde ich unglaublich schön und bereichernd. Das macht es auch schwierig die Stadt zu verlassen, da man das nicht oft findet. Und die kulturellen Angebote und die Vielfalt an tollen Restaurants sind auch nicht zu schlagen. Und was die Engländer auch noch super gut können sind typisch englische Events, wie das Ascot Pferderennen, Glastonbury Music Festival, Oper in Glyndebourne, Wimbledon Tennis und vieles mehr.

Und welche Nachteile haben Sie im Vergleich zu Tuttlingen ausfindig gemacht?

London ist immer anstrengend. Alles ist immer mindestens 30 Minuten entfernt. Wenn man einen Freund im Süden hat, aber im Norden wohnt, dann dauert es eine Stunde, bis man bei ihm ist. Mein Weg zur Arbeit dauert auch eine Stunde. In Tuttlingen wäre ich da schon am Bodensee oder in Stuttgart. Und vom Wetter her regnet es zwar weniger als jeder denkt, aber so richtig heiß ist es im Sommer meist nicht und im Winter auch nicht richtig kalt. Zum Skifahren muss ich auch in den Flieger sitzen.

Wie haben Sie sich in London eingelebt?

Nach über zehn Jahren habe ich mich gut eingelebt. Ich habe viele Jahre in einer Wohngemeinschaft mit einer Freundin gewohnt, dann für eine Zeit alleine und jetzt habe ich ein kleines englisches Reihenhaus mit kleinem Garten irgendwo zwischen Notting Hill und Queenspark. Geschäftlich bin ich jede zweite Woche im Ausland und privat bin ich in meiner Freizeit eh ein Weltenbummler und unternehme viele Reisen. Das macht alles Spaß, manchmal wird es aber auch zu viel, sodass ich in letzter Zeit versuche, vermehrt in London zu sein.

Das klingt so, als möchten Sie in London bleiben?

Ich vermisse natürlich meine Familie, meine Freunde und meine Patenkinder genauso wie Mamas Rouladen, eine gute Butterbrezel oder einen Nachmittag am Bodensee sowie richtig heiße Sommertage. Aber im Moment will ich schon in London bleiben, weil es mir hier gefällt, ich glücklich hier bin und ich hier einen großen Freundeskreis habe. Wenn nichts Besonderes ansteht, wie eine Hochzeit, bin ich drei bis vier Mal im Jahr noch in Tuttlingen.

Würden Sie London also Ihre neue Heimat bezeichnen?

Meine Heimat ist noch immer Tuttlingen. Aber wenn ich nach einem Besuch von Tuttlingen nach London reise sage ich auch, dass ich nach Hause gehe.

Zum Abschluss noch eine politische Frage. Wie erleben Sie den Brexit vor Ort?

Am liebsten will ich den Brexit überhaupt nicht erleben, denn das ist in meinen Augen ein Schritt in die ganz falsche Richtung. Ich habe jetzt dank Brexit-Diskussionen auch die doppelte Staatsbürgerschaft. Aber als Engländer fühle ich mich immer noch nicht.

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