Warten auf einen Rücktritt: Wie geht es in Thüringen weiter?

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Thomas Kemmerich
Immer noch im Amt: Thomas Kemmerich (FDP), umstrittener neuer Ministerpräsident von Thüringen. (Foto: Martin Schutt / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Stefan Hantzschmann

Wieder kein Rücktritt, wieder Verwirrung. Thüringens Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) bleibt trotz seines angekündigten Abgangs weiter im Amt.

Der Ältestenrat des Landtages solle klären, wie eine „schnelle, geordnete Amtsübergabe“ funktionieren könne, sagte Kemmerich am Freitag im Landtag in Erfurt. Ein sofortiger Rücktritt könne Risiken bergen, „da es immer die Notwendigkeit wichtiger Entscheidungen der Landesregierung geben kann, für die es ein nicht nur geschäftsführendes Regierungsmitglied braucht“, erklärte Kemmerich später nach einem Treffen mit der Landtagspräsidentin.

Dabei hatten Linke, SPD und Grüne dem FDP-Politiker, der am Mittwoch mit Stimmen von AfD, CDU und FDP zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, eine Frist gesetzt: „Rücktritt - und zwar eine Aussage bis Ende Sonntag“, hatte Thüringens SPD-Chef Wolfgang Tiefensee am Donnerstag gefordert.

Kemmerich kündigte ebenfalls am Donnerstag - nur einen Tag nach der Wahl - seinen Rückzug an, vollzog ihn dann aber nicht. Thüringens Linke-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow warf Kemmerich nun vor, Zeit schinden und die Krise aussitzen zu wollen.

Aber wie lange dauert es nun, bis in Thüringen wieder ein neuer Ministerpräsident gewählt werden kann? Ein Überblick über die nächsten Schritte:

ZEITPLAN

Laut Landtagspräsidentin Birgit Keller soll sich der Ältestenrat am 18. Februar treffen. „Sollte der Ministerpräsident danach seinen Rücktritt ankündigen, ist es möglich, das Parlament einzuberufen in der Woche danach und dann wird man sehen, wie die Fraktionen entscheiden“, sagte Keller. Demnach könnte es also in der letzten Februarwoche schon eine neue Ministerpräsidentenwahl geben. Mit diesem Vorgehen wäre die Zeit, die Kemmerich nur geschäftsführend im Amt ist, wohl relativ gering.

KANDIDATENSUCHE

Tritt Kemmerich zurück, würde es eine neue Ministerpräsidentenwahl geben. Sein Vorgänger, Bodo Ramelow (Linke) hat erklärt, noch einmal antreten zu wollen. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer forderte am Freitag, SPD oder Grüne sollten einen Ministerpräsidentenkandidaten aufstellen. Die Grünen hatten bei der Landtagswahl 5,2 Prozent und die Sozialdemokraten 8,2 Prozent erreicht. Die Linke kam auf 31 Prozent. Grüne und SPD winkten nach dem AKK-Vorstoß sofort ab.

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Linke-Fraktionschefin Hennig-Wellsow stellte klar, dass es für eine Kandidatur Ramelows eine Bedingung gibt: „Wir werden die Wahl von Bodo Ramelow erst ansetzen, wenn wir dafür eine Mehrheit haben“, sagte sie am Freitag. Eine solche Mehrheit von 46 Stimmen haben Linke, SPD und Grüne jedoch nicht. Bereits jetzt laufen Gespräche der drei Parteien mit CDU-Abgeordneten, wie man das Problem lösen kann. Allerdings beschloss die Thüringer CDU-Fraktion in der Nacht zu Freitag, dass sie „einen von der Linken aufgestellten Ministerpräsidenten entsprechend ihrer Grundsätze nicht aktiv ins Amt wählen“ will. Hier bahnt sich also schon der erste Konflikt an. Auch mit Stimmenthaltungen aus den Reihen der CDU im dritten Wahlgang wäre eine Wahl Ramelows möglich. Unklar, ob sich Linke, SPD und Grüne darauf einlassen würden.

MINISTERPRÄSIDENTENWAHL

Die Modalitäten einer erneuten Wahl nach einem Rücktritt Kemmerichs wären dieselben wie am Mittwoch: Drei Wahlgänge, zwei Mal wäre die absolute Mehrheit nötig, im dritten reicht die relative Mehrheit. Allerdings kommt es auch darauf an, wie Linke, SPD und Grüne mit Kemmerichs Entscheidung umgehen, dass er zunächst im Amt bleiben will. Eine Alternative wäre ein Misstrauensantrag. Dies wäre eine Art verkürzte Wahl: Ramelow müsste kandidieren und in einem einzigen Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen.

NEUWAHLEN

Aus Sicht der Bundes-CDU wären Neuwahlen in Thüringen geboten. Doch der Landesverband will die unbedingt vermeiden. Einer Forsa-Umfrage zufolge würde die CDU aktuell auf 12 Prozent abstürzen. Linke, SPD und Grüne hätten demnach eine Mehrheit. Doch bei den Grünen sitzt der Schock vom Herbst, als sie es geradeso in den Landtag schafften, noch tief. Linke und SPD würden Neuwahlen wohl gelassener entgegen sehen. Erforderlich wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament - ohne Stimmen von CDU und AfD wäre das nicht zu machen. Bislang bleibt offen, ob es in Thüringen zu Neuwahlen kommen könnte.

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