Wahlsieg in Rekordzeit verspielt: Andrea Ypsilanti

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Deutsche Presse-Agentur

In nicht ganz einem Jahr hat Andrea Ypsilanti alle Höhen und Tiefen eines Politikerlebens kennengelernt: Im Januar 2008 führte sie die hessische SPD wieder auf Augenhöhe mit der CDU zurück, am Sonntag musste sie die Verantwortung für eine historische Wahlpleite übernehmen.

Die Hessen gaben ihr eine doppelte Quittung: Erstens für den Bruch des Wahlversprechens, keinesfalls mit der Linken zusammenzuarbeiten; zweitens für das Unvermögen, den rot-rot-grünen Plan dann wenigstens zu realisieren.

Ihren Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzende verkündete die 51-Jährige wenige Minuten nach der ersten Prognose gefasst, aber nicht zerknirscht: „Ich resigniere nicht“, sagte sie beinahe trotzig vom selben Podium, auf dem sie vor einem Jahr voreilig den Wahlsieg für sich reklamiert hatte. Zufrieden blickte sie zu ihrem voraussichtlichen Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel auf, als der seine kurze Rede hielt.

Mit Schäfer-Gümbel teilt Ypsilanti nicht nur die Zugehörigkeit zum linken Parteiflügel, sondern auch die Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Ypsilanti stammt aus einer Rüsselsheimer Arbeiterfamilie; ein Lehrer musste die Eltern überreden, die Tochter aufs Gymnasium zu schicken. Nach dem Abitur arbeitete sie als Sekretärin und Stewardess, studierte dann Sprachen und später Soziologie. Ihren Nachnamen verdankt sie der geschiedenen Ehe mit einem Griechen. 1992 holte sie der damalige Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) in die Wiesbadener Staatskanzlei.

Welche Aufgabe nun auf ihren Nachfolger wartet, weiß Ypsilanti nur zu gut. Als sie 2003 den Landesvorsitz übernahm, hatte die Hessen-SPD gerade eine schwere Niederlage zu verdauen. Rasch profilierte sich Ypsilanti über die Landesgrenzen hinweg mit ihrer Kritik an den Sozialreformen der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Uneingeschränkte Gegenliebe fand sie damit im eigenen Landesverband nicht. Bei ihren turnusmäßigen Wiederwahlen bekam sie wiederholt nur mäßige Ergebnisse, beim Griff nach der Spitzenkandidatur musste sie sich gegen ihren Konkurrenten Jürgen Walter durchsetzen.

Erst mit der Kampagne zur Landtagswahl 2008 kam jene Ypsilanti- Woge ins Rollen, die in den Augen ihrer Gegner Züge von Personenkult annahm. Auf Parteitagen erzielte sie fortan stets überwältigende Zustimmung - auch für das Wagnis einer von der Linken geduldeten rot- grünen Minderheitsregierung.

In dieser Stimmungslage bekam Ypsilanti wohl nicht mehr mit, was sich in der Landtagsfraktion zusammenbraute. Einen Tag vor der geplanten Regierungsübernahme kündigten vier Abgeordnete - unter ihnen Walter - ihr die Gefolgschaft auf. Gegner führen das Debakel auf mangelndes Kommunikationsvermögen außerhalb ihres linken Umfelds zurück. Ihre Anhänger bescheinigen ihr dagegen Mut und Zähigkeit.

Privat lebt Ypsilanti mit ihrem Lebensgefährten, dem gemeinsamen Sohn und einem befreundeten Paar mit zwei Kindern in einem Frankfurter Reihenhaus. Sie hat ein Faible für moderne Kunst, französische Küche und den 1. FC Nürnberg.

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