Wahlkampf bei der SPD: „Aller Glanz unserer Arbeit soll auf Nils Schmid fallen“

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Schwäbische Zeitung
Yasemin Merx

Im Mai 2010 stand Daniel Rousta zum ersten Mal in der Wahlkampfschmiede, im vierten Stock eines Hauses mitten in Stuttgart. „Da gab es hier keine Möbel, keine Pflanzen, keine Kaffeemaschine, nichts.“ Dass die Schreibtische und Stühle jetzt aus allen möglichen Büros und Kellern zusammengewürfelt sind, sieht man den Räumen nicht an. Dafür aber sofort, woher der politische Wind weht: An den Wänden klebt ein rotes Plakat neben dem anderen. Auch sonst ist alles rot. Sofa, Regale, Kugelschreiber. Das gesamte Stockwerk hat die SPD für die Wahlkampfzeit gemietet.

Etwa 20 Menschen feilen hier an Strategien, organisieren Veranstaltungen, schreiben Reden und koordinieren den Versand von Wahlplakaten an die Ortsverbände. Wahlkampfschmiede eben. Daniel Rousta, 36 Jahre alt und gebürtiger Schwabe ist der Wahlkampfleiter. 1989 begann er als Schülersprecher in Bietigheim im Kreis Ludwigsburg, in die SPD ist er „irgendwie reingerutscht“. Bevor er als Wahlkampfleiter für die Landtagswahl zurück nach Baden-Württemberg kam, hat er mehrere Jahre für die Sozialdemokraten in Berlin gearbeitet.

Vor der Morgenbesprechung drängen sich alle um den Kaffeeautomaten. Der hebt sich, weil schwarz, farblich ab von all den roten SPD-Tassen. Statt Bio wie bei den Grünen gibt es bei den Sozialdemokraten einen Schuss Discounter-H-Milch in die schwarze Brühe. Und wenn man schon so nett zusammensteht, werden noch schnell die für den Wahlkampf relevanten Titelzeilen von „Spiegel Online“ und „Bild“ besprochen.

10 Uhr, Nils Schmid spricht im Landtag. Das Wahlkampfteam verfolgt am Bildschirm jede Bewegung des Spitzenkandidaten. Gute Zitate werden mit Applaus belohnt und gleich auf der Facebook-Seite gepostet. „Wir nutzen immer mehr auch die sozialen Medien für den Wahlkampf“, erklärt Daniel Rousta. Auf Facebook hat SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid 1742 „Freunde“. „Das ist sicher noch steigerungsfähig“, meint sein Wahlkampfleiter Daniel Rousta. „Aber wenn man bedenkt, dass Nils noch bis vor wenigen Monaten ein einfacher Landtagsabgeordneter aus Nürtingen war, ist das an Bekanntheit schon mal gar nicht schlecht.“ Bis zum 27. März soll „Nils“, den die Genossen, wie jedes andere SPD-Mitglied auch, duzen, so bekannt werden, dass die Mehrheit ihn wählt. Dafür kämpft Daniel Rousta mit voller Kraft. Er selbst, der Schwabe mit Berliner Akzent, ist mit seiner Nebenrolle zufrieden. „Aller Glanz unserer Arbeit soll auf Nils Schmid fallen. Das gehört zu unserem Job. Wir werden auf andere Weise entlohnt.“ Sollte der politische Newcomer Nils Schmid am 27. März ein gutes Ergebnis erzielen, darf sich hier jeder auf die Schulter klopfen und vielleicht auf einen Karriereschub innerhalb der Partei hoffen. Milena hat heute ihren ersten Tag. Bis zum 30. März wird sie die Wahlkämpfer als Praktikantin unterstützen. Die Entscheidung, zur SPD zu gehen, hat die 19-jährige Abiturientin im Konflikt um Stuttgart 21 getroffen.

Die zurückhaltende Einstellung der Sozialdemokraten zu diesem Thema hat Milena gefallen. „Die veranstalten nicht so einen Kindergarten wie die anderen.“ Eigentlich will sie später Politik studieren, weiß aber noch nicht so richtig, ob das das Richtige für sie ist. Im Wahlkampf will Milena sich Politik „im Auge des Orkans“ anschauen. Genug zu tun hat sie schon mal, auch sie sitzt mit im Social-Media-Team.

Zurück zu Wahlkampfleiter Daniel Rousta. Der hat in seinem kleinen, mit roten Plakaten, Kartons und Ordnern gefüllten Büro kaum Zeit, seine E-Mails zu lesen. Der SPD-Regionalgeschäftsführer der Ostalb, Stefan Oetzel, steht im Türrahmen, einen Kasten Bier in den Händen. „Nervennahrung für die Stuttgarter Wahlkämpfer“ wie er es formuliert. Rousta strahlt. „Das freut einen natürlich umso mehr, wenn die eigene Arbeit in der Basis gut ankommt“, sagt er. Doch so spannend die Arbeit im Wahlkampf auch ist: Zeit für Privatleben bleibt in der heißen Phase wenig. Deshalb hat Daniel Rousta auch schon einen konkreten Plan für den 28. März, den Tag nach der Wahl: „Handy aus und ab nach Hause zu meiner Frau und meinem kleinen Sohn.“

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