Von Dix bis Caspar-Filser

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 Einige der Kunstreisenden aus Riedlingen vor der Schautafel für die aktuelle Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“.
Einige der Kunstreisenden aus Riedlingen vor der Schautafel für die aktuelle Ausstellung „Aufbruch in die Moderne“. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Riedlingen/Friedrichshafen – Das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen ist Ziel der jüngsten Kunstfahrt des Kunstkreises 84 Riedlingen gewesen. Das Interesse der Teilnehmer galt nicht Graf Zeppelin und seinen technischen Errungenschaften, sondern der Kunst. Sie interessierten sich für jene Maler, die aus der Region stammen oder sich während des Zweiten Weltkrieges an den Bodensee zurückgezogen haben, quasi in die innere Emigration, als Verfemte „entarteter Kunst“ und bewusst weit weg von der Verfolgung ihrer Kunst im Nationalsozialismus.

Dies hat dem Zeppelinmuseum die Chance eröffnet, nach dem Krieg eine ganze Reihe von Bildern zu erwerben, welche die großen Strömungen der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzeigen, vom Impressionismus über den Expressionismus, die Neue Sachlichkeit bis hin zur Abstraktion. „Aufbruch ins Unbekannte“ ist die Ausstellung überschrieben. „Die klassische Moderne am Bodensee“. Nur noch bis 12. Mai sind die 100 Werke in dieser Schau zu sehen.

Stark vertreten ist Otto Dix mit seinen verstörenden Zeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg, aber auch seinen christlichen Motiven, sogar sich selber als den Evangelisten Lukas darstellend. „Er konnte alles malen“, wird den Betrachtern vermittelt. Botschaften seien ihm wichtig gewesen, so in dem Bild der resignierenden Frau – in Trümmern sitzend – und neben ihr in lichten Farben ein zwischen Blumen spielendes Kind. Oder wie in dem Bild der Blondine mit makellosem Körper, hinter der eine alte, körperlich verfallende Frau erkennbar ist. „Dix hat hinter die Fassade geschaut“, hören die Gäste aus Riedlingen und: Dass ihm nicht jeder Auftraggeber sein gemaltes Porträt abnahm. Zu sehen sind zudem Landschaftsbilder, entstanden während der Kriegsjahre in Hemmenhofen.

Bei Max Ackermann ist die Entwicklung zur abstrakten Malerei zu erkennen, gilt er doch als ihr Wegbereiter. Musik, in geometrischen Formen nachempfunden, bis hin zu dem eindrucksvollen Bild „überbrückte Kontinente“ beeindruckten.

In dem Begriff Aufbruch erkennt Pedro Krisko, der durch die Ausstellung führte und selber Maler ist, die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten durch neue technische Möglichkeiten. Überschneidungen gebe es immer, Schnittstellen nicht.

Wenige Frauen

Dem Mitbegründer der Künstler-Gemeinschaft „Die Brücke“, Erich Heckel, wird in einem Selbstbildnis begegnet oder einem seiner „15-Minuten-Akte“ und einem wichtigen Vertreter des Expressionismus. Vertreten sind auch André Ficus, Hans Purrmann, Adolf Hölzel und Karl Hájek Kunze. Eine der wenigen Frauen, deren Bilder gezeigt werden, ist Elfriede Thum, die ihrem Namen den männlichen Vornamen Erich hinzufügte und anfangs lediglich mit Erich Thum signierte, um ihrer Kunst wegen anerkannt und nicht als Frau diskreditiert zu werden. Doch, so Pedro Krisko, als ihre wahre Identität offenbar wurde, habe es ihr nicht geschadet.

Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Besucher den Bildern von Maria Caspar-Filser und entdeckten neben ihren berühmten farbigen Blumenbildern Landschaften in erdigen Tönen, wie eine imposante Hügellandschaft. Karl Caspar, der Mann der gebürtigen Riedlingerin, stammt aus Friedrichshafen und ist ebenfalls bei der Ausstellung vertreten, so mit einer eindrucksvollen Darstellung Badender.

Ein besonderer Hinweis gehörte Andreas Feininger, dem Fotografen, dessen gesamtes Archiv das Zeppelinmuseum aufkaufen konnte und der sich Fachkameras und Teleobjektive mit langer Brennweite teilweise selber baute. Sie ermöglichten ihm einen großen Abstand zu seinen Motiven. Zu den berühmtesten Bildern des Life-Fotografen zählen jene der Hochhäuser seiner Heimatstadt New York.

Einen Blick werfen durften die Kunstinteressierten zudem auf die Provenienz-Forschung. In ihr wird gezeigt, wie vorgegangen wird, um die Herkunft von Kunstwerken zu erkunden. Dies ist notwendig, um etwa festzustellen, ob sie eventuell aus jüdischem Besitz stammen und während des Dritten Reiches unrechtmäßig in andere Hände gelangten. Das Museum selber hat die Werke in den 1950er und 1960er Jahren überwiegend über den Kunsthandel und bei Auktionen erworben, dennoch wird Forschungsbedarf gesehen. Von bislang 100 untersuchten Werken wiesen 70 Prozent Provenienz-Lücken für die Zeit zwischen 1933 bis 1945 auf und müssen weiter erforscht werden, wird festgehalten.

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