Vom belesenen Totengräber Christoph Laichinger

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Dies ist der Grabstein von Pfarrer Matthias Friderich Brecht.
Dies ist der Grabstein von Pfarrer Matthias Friderich Brecht. (Foto: Drenovak)
Stefanie Palm

Zur dörflichen Unterschicht der Tagelöhner gehörten in der Regel die Totengräber, die aus dem sogenannten Heiligen, also aus dem Kirchenvermögen bezahlt wurden und somit den Armenkasten der Gemeinde entlasteten.

Ihre Arbeitsgeräte hatten die Totengräber eigentlich selbst zu bezahlen. Am 21. April 1769 ist allerdings zu lesen: Und denen beyden Todten und Gräbern Christoph Laichinger und Johannes Hiller [...] auff ihr abermaliges Ansuchen daweilen auf dem neuen Kirch Hoff, der voller Steine ist, so gar böß zu graben, und ihnen deswegen sehr vieles Geschirr zu Grund geth jedwedem ein Gulden und folglich zusammen 2 Gulden.

Für jede Beerdigung gibt es Geld

Neben ihrem jährlichen Lohn erhielten die Totengräber für jede Beerdigung von den Angehörigen eine festgesetzte Summe. Am 31. Oktober wurde notiert, das für eine alte Person ein Gulden zu bezahlen sei, für Kinder unter einem Jahr 15 Kreuzer, für Kinder bis sechs Jahren 20 Kreuzer und bis zum Alter von 14 Jahren 30 bis 40 Kreuzer zu bezahlen seien.

Sprich, ein Totengräber bekam für das Ausheben eines Erwachsenengrabes in etwa den Betrag, den eine Schaufel kostete. Ein Gulden (fl.) entsprach 60 Kreuzern (kr.).

Laichinger war wahrscheinlich wohlhabender als gedacht

Christoph Laichinger war bis zu seinem Tod im Jahr 1787 über 45 Jahre lang Totengräber. Er sah sich jedoch eher zu den betuchten Einwohnern des Fleckens zugehörig. Jedenfalls gaben er und seine Frau Anna, geborene Schmaler, dies mit ihrer Kleidung zu verstehen. Nach seinem Tod wird sein Kleidungsbesitz auf 21 Gulden und der seiner Frau auf 29 Gulden geschätzt.

Und noch eine Besonderheit zeichnete ihn aus. Nach dem Tod seiner Frau Anna im Jahr 1770 hatte er das gemeinsame Viertelhaus und einen Garten verkaufen müssen, um seinen vier Kindern ihren Erbteil auszahlen zu können. Trotzdem erweiterte er in den nächsten Jahren seine ohnehin schon große Sammlung religiöser Erbauungsliteratur. Sein Ansehen im Flecken spiegelt auch seine neue Unterkunft wieder – er bezog ein Zimmer im Haus von Wilhelm Schmid, Maierbauer und Ratsherr. Dieser und andere Maierbauern übernahmen 1787 seine Begräbniskosten.

Waren die Grabschaufeln eher als Prämie zu sehen?

Seine mehr als 50 Bücher vermachte Laichinger seinen Söhnen und Enkeln. Mit diesem Wissen kann die eingangs zitierte Quellenlage vielfältiger gelesen werden. Die Totengräber könnten demnach den finanziellen Zuschuss für die Grabschaufeln als Anerkennung ihrer Leistung erhalten haben, als „Arbeitsprämie“ sozusagen und nicht als Almosen – wie vielleicht zunächst gedacht.

Wir würden heute sagen, dass Christoph Laichinger als armer Mann starb. Er sah dies wenige Wochen vor seinem Tod, als er seinen letzten Willen niederschrieb, anders. Er sah sich als reich beschenkt an: denn um Christi Willen ist die gantze Heilige Schrift = geschrieben: das wir diese Gnade recht erkennen sollen lernen, die uns Gott geschenkt hat. Johannes 3: Cap. V: 16: Ich schließe wegen Mattigkeit und empfehle Euch alle der Gnade Gottes und verleibe Euch getreu bis in den Todt. N. Christoph Laichinger: üb. 45 gewesener Todtengräber all hier in Laichingen, geschrieben 1787; dto: 3. Mayen.

Nur noch wenige Grabsteine von damals erhalten

Von den Gräbern des damaligen Friedhofes, also des Kirchhofs, sind nur wenige erhalten, nämlich die der Pfarrer Perrenon und Brecht an der Südseite der Kirchenaußenmauer und zwei Gräber zwischen dem Tor zu den Maierhöfen und dem Tor zum Pfarrhaus.

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