Vollgas oder Krise? F1 vor wegweisender Saison

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Deutsche Presse-Agentur

Vorhersage zwecklos: Wohl noch nie waren Prognosen vor dem Formel-1-Auftakt so schwierig wie in diesem Jahr. Im sportlichen Bereich genauso wie im wirtschaftlichen.

Weltmeister Lewis Hamilton hat im Winter jede Menge Fragezeichen im McLaren- Mercedes hinterlassen, das Spätzünder-Team BrawnGP die Ausrufezeichen gesetzt und das deutsche Quintett will seine Antworten sobald wie möglich auf dem Asphalt geben. Eine tiefgreifende Regelreform hat das Aussehen der Autos radikal verändert, „Boost-Button“ und neuer Look sollen das Überholen erleichtern. Dazu kommen drastische Sparmaßnahmen, um die galoppierenden Kosten einzufangen.

Wer auf der Strecke wen ein- oder überholt, ist vor dem Start am 29. März in Melbourne nicht absehbar. Eine Hierarchie ist nicht auszumachen nach den auf nur noch 20 Tage begrenzten Tests im Winter; mal abgesehen von schwächelnden Silberpfeilen und bärenstarken Brawn- Boliden.

Als zuverlässig sowie schnell erwiesen sich in der Probier-Phase auch McLaren-Dauerrivale Ferrari mit Vize-Weltmeister Felipe Massa und 2007-Champion Kimi Räikkönen sowie BMW-Sauber mit Nick Heidfeld und Robert Kubica. Toyota, Red Bull, Williams-Toyota und Renault können ebenfalls vorn mitmischen, scheint es. „Alle haben bei Null angefangen“, erklärt Williams-Pilot Nico Rosberg.

Zur großen Überraschung kann aber ausgerechnet Honda-Nachfolger BrawnGP werden. Ross Brawn, einst als Technischer Direktor Champion- Macher von Rekord-Weltmeister Michael Schumacher bei Benetton und Ferrari, sorgte dafür, dass die Lichter in der PS-Schmiede im englischen Brackley nicht ausgingen. Beim Testgipfel in Barcelona knapp drei Wochen vor dem Saisonstart rasten die Piloten Jenson Button und Rubens Barrichello der staunenden Konkurrenz davon - mit einem Mercedes-Motor im Heck.

Die Piloten-Gemeinschaft in Schwarz-Rot-Gold will sich diesmal nicht nur mit einigen Farbtupfern begnügen. Noch nie hatten so viele der fünf deutschen Piloten so gute Aussichten auf vordere Plätze wie in diesem Jahr: Neben Heidfeld und Rosberg haben Timo Glock im Toyota und „Jung-Bulle“ Sebastian Vettel im Red Bull mindestens das Podest im Visier. Und dank Mercedes-Power im Force India darf auch Adrian Sutil auf den einen oder anderen Punkt hoffen. Teamchef Vijay Mallya stellte bereits klar: „Es gibt keine Ausreden mehr.“

Allerdings: Wer in der Winterpause noch nicht auf Touren gekommen ist, hat es schwer, den Rückstand aufzuholen. Testfahrten sind zwischen den 17 Saisonrennen verboten. Die Windkanäle dürfen laut dem Automobil-Weltverband FIA nur noch 40 Stunden pro Woche betrieben werden. Daher setzen die Rennställe 2009 auf Erfahrung: Bis auf den Schweizer Sébastien Buemi bei Toro Rosso, der die zum Tochter-Team Red Bull beorderte deutsche WM-Hoffnung Vettel ersetzt, ist kein neuer Fahrer am Start. Red-Bull-Mann David Coulthard war der einzige, der in Piloten-Pension ging.

Zur großen Unbekannten kann KERS (Kinetic Energy Recovery System) werden. Das System speichert einen Teil der Bremsenergie, die dann durch einen Knopfdruck des Fahrers auf den sogenannten Boost-Button jede Runde 6,66 Sekunden lang zusätzlich 82 PS freisetzt. Noch sind die Teams unsicher, ob sie den Hybridantrieb von Beginn an einbauen. Manche wollen sogar ganz auf die teure Innovation verzichten. Die Entwicklungskosten für KERS sollen bei rund 40 Millionen Euro liegen.

Dabei haben auch die Ausläufer der Finanzkrise den Milliarden-Zirkus längst erfasst. Die „Königsklasse“ droht zwar nicht zur Bettler-Liga zu werden. Doch der Ausstieg von Auto-Gigant Honda, die Absatzprobleme der verbliebenen Hersteller und die Flucht von Sponsoren aus ihren teueren Investments haben das Reich von Formel-1- „König“ Bernie Ecclestone zum Land der mittlerweile begrenzten Möglichkeiten gemacht.

„Nein, nein, nein“, wehrt Ecclestone aber Fragen ab, ob die globale Finanzkrise die Formel 1 gefährdet. Er sieht eine Chance für den Neuanfang. Die zehn Rennställe haben in ihrer Vereinigung FOTA in seltener Einmütigkeit reagiert. Um ein Drittel wollen sie die Ausgaben gegenüber 2008 senken - sie liegen aber immer noch bei rund 2 Milliarden Euro. 2010 sollen die Kosten nur noch die Hälfte der 2008-Investitionen betragen.

Geographisch erschließt die Formel 1 in diesem Jahr wieder neues Gebiet. Montreal und Magny-Cours fielen aus dem Programm. Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten feiert Premiere: am 1. November kommt es dort zum Finale beim 17. und letzten WM-Lauf - dann werden aus Prognosen Gewissheit.

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