Viehtrieb: Der „bayerische Hirte“ hütet spanische Schafe

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Schwäbische Zeitung

Wie kommt es, dass ein gelernter Großhandelskaufmann wie Stefan Hämmerle aus Illertissen mit Anfang 60 plötzlich seine Liebe für die Schäferei entdeckt? Was bringt einen Mann dazu, sich mit einfachen Mitteln tagelang durch die spanische Wildnis zu schlagen, nur um die harte Arbeit eines Schäfers zu verrichten? Und das in einem Alter, in dem andere sich darauf vorbereiten, ihren Ruhestand zu genießen. Stefan Hämmerle, mittlerweile 63, ist kein typischer Aussteiger, der auf der Suche nach dem besonderen Kick ist. Seine Begeisterung für die Schäferei rührt aus einem Schlüsselerlebnis vor einigen Jahren und hat mittlerweile auch politische Züge.

Im Sommer 2004, hatte sich Hämmerle als Pilger auf dem Jakobsweg bei Salamanca in einem großen Waldstück verirrt. Durch Zufall traf er auf einen alten Schäfer, der ihn auflas und wieder auf den richtigen Weg brachte – in zweifacher Hinsicht. „Ich war beeindruckt vom einfachen Leben dieses Mannes und gleichzeitig von seinem großen Wissen und der Erfahrung, die er braucht, damit seine Herde überlebt“, schildert Hämmerle sein Erweckungserlebnis.

Seither lässt ihn die Schäferei nicht mehr los. Zwar hat er zu Hause in Illertissen keine eigenen Schafe, aber in diesem Frühjahr war er mit vier spanischen Schäfern mehr als eine Woche in der Extremadura in Südwestspanien unterwegs, um die jahrtausendealte Fernweidewirtschaft, die sogenannte Transhumanz, kennenzulernen. „Das war für mich das schönste Erlebnis in meinem Leben“, schwärmt Hämmerle. Zwölf bis 15 Stunden war er täglich auf den Beinen, half beim Treiben der Schafe und übernachtete mit den Schäfern unter freien Himmel. Eine körperliche Belastung, die ihm nichts ausmachte, sondern die Bewunderung für die Schäfer weckte: „Die machen das seit ihrer Kindheit und jeder von ihnen ist Schäfer, Tierarzt, Biologe, Käser und Koch in einer Person.“ Diese über Jahrtausende gewachsene Kultur und das Wissen drohe nun verloren zu gehen, sagt Hämmerle, womit er bei der politischen Seite seiner Mission ist.Zum „Ehrenhirten“ ernannt

So war Hämmerle im September einer der deutschen Vertreter bei der zweiten Weltkonferenz der Schäfer und Nomaden in Guadalaviar in Spanien. Dort berichtete er über den schweren Stand, den die Schäferei in Deutschland mittlerweile hat und brachte spanischen Kindern die Arbeit eines Schäfers näher. Eine Aktion, die er nächste Woche in Reichenbach wiederholen möchte (siehe Kasten). In Guadalaviar ist Hämmerle mittlerweile zum „Ehrenhirten“ ernannt worden, und wird respektvoll mit „El Pastor de Baviera“ („bayerischer Hirte“) angesprochen.

Ähnlich wie die Transhumanz in Spanien, so ist es Hämmerles Traum, dass es auch in Süddeutschland einen Hirtenweg vom Bodensee bis nach Württemberg gibt. „Heute braucht ein Schäfer für jede Ortschaft, um die er mit seiner Herde herumzieht, eine Genehmigung. Stefan Hämmerle hofft, dass sich die moderne Gesellschaft und die Jahrtausende alte Schäferei verbinden lassen: „Wir können eine über 8000 Jahre gewachsene Kultur nicht einfach wegschmeißen“, sagt er.

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