Verwaschen und bekleckst: Der raue Stil ist zurück

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Deutsche Presse-Agentur

Offene Säume, ungewöhnlich gewaschene oder abgeriebene Oberflächen sind wieder da. Nach mehreren Saisons mit glatten Stoffen in dunklen Farben in enger Passform haben sich die Designer an der kantenlosen Silhouette sattgesehen.

„Destroyed“ - „zerstört“ - nennen Experten den Look, der durch die gezielte Bearbeitung von Hosen, T-Shirts und Accessoires entsteht. Er bringt frischen Wind in die neuen Sommerkollektionen - und soll im kommenden Winter noch an Einfluss in der Mode gewinnen.

„Besonders bei Jeans ist der Trend zu Destroyed-Styles im Moment stark im Kommen“, sagt Thong Lam, Chefdesigner von Clockhouse Boys bei C & A in Düsseldorf. Jeans in Chlorbleiche-Optik und Waschungen, die den behandelten Denim-Stoff fast weiß erscheinen lassen, sind laut dem Experten nur eines von vielen Merkmalen.

„Destroyed-Effekte sind mittlerweile zum Statement geworden. Sie bilden einen markanten Gegenpol zur formalen Mode“, sagt René Lang, Präsident des Verbands deutscher Mode- und Textildesigner (VDMD) in Würzburg. Mittlerweile gehe es allerdings weniger um bewusstes Kaputtmachen, sondern eher um das Kreieren von Natürlichkeit.

Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Modeinstitut (DMI) in Köln sieht das ähnlich: „In der kommenden Mode haben Liebhaberstücke einen hohen Stellenwert. Es geht um hochwertige Einzelteile mit Authentizität, weniger um pure Roughness.“ Allerdings schließe der Wunsch nach authentischer Kleidung nicht aus, dass Hose und Jacke durchaus ein wenig Patina besitzen dürfen. Eben diese Patina wollen die Modefirmen ihren Produkten durch entsprechende Verarbeitungen verleihen.

„T-Shirts werden dafür gern einem Acidwash- oder Enzymwash-Verfahren unterzogen“, erklärt Thong Lam - die Behandlung erfolgt also mit Säure oder Enzymen. In einem chemischen Prozess werde dabei die Farbe eines Shirts so gebleicht, dass es hinterher aussieht, als sei es bereits mehrfach getragen und gewaschen worden.

Bei Jeanshosen wende man gern den „Crimpereffekt“ an. Er sorgt dafür, dass im Stoff unebene Falten entstehen. Dadurch wirkt die Hose aufgetragen und erhält das gewünschte gebrauchte Aussehen. „Bei Männern sieht man auch grobe Schals und Tücher mit Crasheffekten“, fügt Lang hinzu. Durch die Behandlung verlieren sie ihre glatte Struktur und bekommen eine knittrige, faltenreiche Oberfläche.

Neben Jeans hält Lang in dieser Saison besonders Chino-Hosen aus grober Baumwolle, Cargohosen und Hemden in Militaryoptik für wichtig: „Dieses derbe Modethema ist sehr stark von zeitlosen Elementen aus der Militärkleidung inspiriert.“ Wie vielfältig der Trend von den Herstellern umgesetzt wird, zeigt sich bei einem Blick auf die aktuellen Kollektionen. Die Marke Closed zum Beispiel zeigt in dieser Saison stark verwaschene Hosen im „Punkwashed“-Style: Handgewaschene Jeans und Hotpants für Damen in auffälliger Chlorbleiche-Optik. „Mit einigen Looks loten die Hersteller aus, wie weit sie gehen können“, erklärt Gerd Müller-Thomkins.

Modische Brüche seien gut, so der Experte, sie dürften aber nicht gewollt wirken. Lang hat auch Schuhe mit bewusst angebrachtem Abrieb an Kanten und Kappen gesehen: „Das funktioniert dann gut, wenn diese forcierten Gebrauchsspuren nicht zu aufgesetzt wirken.“ Ist das der Fall, verliert das Kleidungsstück laut dem Experten an Glaubwürdigkeit.

Jeanslabels wie True Religion, Diesel oder Replay setzen in diesem Frühjahr auf Stonewashed-Effekte in allen Nuancen. Einige Jeans sind mit Flicken versehen, andere an den Knien löchrig aufgerieben. Die Schweizer Traditionsmarke Strellson kombiniert diese derben Elemente bewusst mit modernen Materialien. Jeanshosen mit Farbspritzern, Abriebstellen und Used-Effekten stehen dabei in Kontrast zu glänzenden Oberflächen wie Nylon und Chintz. Ähnliche Kombinationen sind bei Boss Orange zu sehen.

„Die aktuelle Mode ist nicht mehr super-clean, aber auch nicht nur 'destroyed'. Wir befinden uns auf einer Sinnsuche“, sagt Müller-Thomkins zu diesem Stilmix. Militärelemente, Einflüsse aus der Arbeitskleidung und betonte Nähte sind aber nur ein paar der Stilmittel, die der Destroyed-Look aufnimmt. Er wählt auch bestimmte Farben, etwa Oliv, Schwarz und Steintöne.

Der neue Stil ist eher etwas für modische Großstädter. Designer René Lang sieht in dem derben Look außerdem eine Stilrichtung, die sich eher für Männer eignet: „Businesstauglich ist dieses Modethema weniger. Man kann seine Jeans zum Sakko tragen - dann sollte sie aber nicht zu viele Löcher und Gebrauchsspuren haben.“ Grundsätzlich sei das also eher etwas für die Freizeit.

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