USA: Michelle Rhee kämpft mit Dollars um die Motivation der Schüler

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Schwäbische Zeitung

Brief aus Washington von Frank Herrmann

Amerika spricht von Sarah Palin, Washington von Michelle Rhee. Natürlich ist das eine Zuspitzung, denn auch im District of Columbia alias DC grassiert das Palin-Fieber, diese Mischung aus Begeisterung, Staunen und Kann-die-das-überhaupt-Skepsis, die John McCains Vizekandidatin allerorten entgegenschlägt. Aber Stadtgespräch, das ist Michelle Rhee, auch bekannt als die Frau, die ein Tempo von hundert Meilen pro Stunde geht. Letzteres ist selbstredend nur eine Metapher, denn auf den meisten Autobahnen sind gerade mal 65 Stundenmeilen erlaubt. Es geht hier allein ums Arbeitstempo.

Aber kommen wir zum Thema. Michelle Rhee, 38 Jahre alt, koreanischer Abstammung, macht den schwersten Job, den DC zu vergeben hat. Seit zwölf Monaten leitet sie die Schulbehörde, wobei man wissen muss, dass es ums Washingtoner Schulwesen ähnlich traurig bestellt ist wie um die schlaglochübersäten Magistralen der Stadt. Nur zwölf Prozent aller Achtklässler können so gut lesen, wie es der Lehrplan verlangt. Gerade mal acht Prozent genügen den Mathe-Ansprüchen. Eltern, die Wert auf die Bildung ihres Nachwuchses legen, ziehen seit mindestens zwei Generationen ins Umland, hinaus nach Suburbia, in die ebenso heile wie einförmige Vorstadtwelt, die verwaltungstechnisch zu den Bundesstaaten Virginia und Maryland gehört.

Wer das weiß, wundert sich nicht, wenn er Rhees Zwischenbilanz liest. In ihrem ersten Amtsjahr hat sie 23 Schulen geschlossen, 36 Direktoren entlassen und in ihrer Behörde 121 Stellen (ein Siebtel) ersatzlos gestrichen. Einer Lehrerin, die ein Gespräch mit einem Teenager versäumte und es mit Zeitnot erklärte, las sie öffentlich die Leviten: „Wenn dieser Job zu groß für Sie ist, dann suchen Sie sich einen anderen.“ Neue Besen kehren gut, könnte man sagen.

Aber das ist es nicht, was die Hundert-Meilen-Frau in die Diskussionsrunden bringt. Vielmehr ist es ein Experiment. Ab Oktober wird die Reformerin Rhee einen zusätzlichen Anreiz schaffen, um Schüler zum Lernen zu bewegen. Bis zu hundert Dollar will sie monatlich zahlen, gestaffelt nach einem Punktesystem. Belohnt wird, wer pünktlich im Klassenzimmer sitzt, seine Hausaufgaben erledigt, sich gut benimmt und ordentliche Zensuren bekommt. Maximal fünfzig Pluspunkte kann man in einem Monat sammeln – und pro Punkt zwei Dollar kassieren. Fürs Erste beschränkt Rhee ihren Test auf die Klassen sechs bis acht, was sie damit begründet, dass in diesem Alter die Weichen gestellt werden, hin zur Universität oder hin zum Schulabbruch.

Eltern sind teilweise skeptisch

Die Entscheidung, ob ihr Kind teilnimmt an dem Versuch, liegt bei den Eltern. Und die sind gespalten. Manche sprechen von einem praktischen Ansatz, ein akutes Problem zu lösen. Andere sind entsetzt: Wie tief sind wir gesunken, dass wir fürs Lernen Geld zahlen müssen? Dionne Davis etwa lehnt die Idee rundheraus ab: „Die Motivation sollte von innen kommen und nicht für Dollars erkauft werden.“ Ihre dreizehnjährige Tochter Samantha dagegen hält die Prämie für eine gute Idee. Einen Teil des Geldes würde sie für die Uni sparen, einen anderen für wohltätige Zwecke spenden. Michelle Rhee wiederum verteidigt ihren Plan, indem sie Amerikas Wort des Jahres bemüht, das Wort „change“. „Wir brauchen einen radikalen Wandel“, sagt sie. „Wir dürfen unsere Kinder nicht länger ihrer Zukunft berauben.“

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