Kräftig Betrieb nach Schulschluss: Mehr als die Hälfte der rund 2500 Schüler pendeln täglich mit dem Bus an die Waldseer Schulen (Foto: Rolf Schultes)
Schwäbische Zeitung

(mp/sem) – Landrat Kurt Widmaier hat in dieser Woche ein Einschreiben mit der Überschrift „Kollektiver Protest“ erhalten. Darin beschweren sich die Gesamtelternbeiratsvorsitzenden und die Elternbeiratsvorsitzenden über den Beschluss des Kreistags zur Änderung der Schülerbeförderungssatzung.

Die Wortwahl der Vertreter von etwa 56 000 Eltern im Landkreis Ravensburg lässt dabei keine Zweifel an „Empörung und Entsetzen“ wegen der „immer eklatanter zu Tage“ tretenden „Entfernung der Weichenstellungen der Politik von den Vorgaben unserer Landesregierung“. Hauptkritikpunkt der Elternvertreter ist die automatische Kopplung der Eigenanteile an Schülerfahrkarten an den Bodensee-Oberschwaben (Bodo)-Tarif zum 1. Januar 2013.

Die Kreisräte einigten sich in im November, unabhängig von der Entfernung, auf die Zahlung von 80 Prozent des Tarifs der Zone 1. Der ursprüngliche Vorschlag der Landkreisverwaltung hatte 100 Prozent vorgesehen. „Dies ist zusammen mit der stufenweisen verteilten, über die nächsten Jahre drastischen Erhöhung de Eigenanteile ein unerhörter Vorgang“, heißt es im Einschreiben.

„Der Landkreis kocht“, fasst der Leutkircher Gesamtelternbeiratsvorsitzende Stephan Ertle die Stimmung zusammen. Er und die Bad Wurzacherin Brigitte Reuther haben das Einschreiben unterzeichnet, das „nachteilige Folgen für die Kleinsten in unserer Mitte“ beschreibt: „Es geht nicht an, dass unter dem Deckmantel der Schülerbeförderung Fahrkartenpreise mehr oder weniger willkürlich, je nach Haushaltslage angehoben werden.“

Landratsamt bezieht Stellung

Franz Hirth, Pressesprecher des Landratsamtes, reagierte mit einem fast zweiseitigen Schreiben auf die Vorwürfe der Eltern. „Die Satzungsänderung ist im Grunde eine strukturelle Anpassung, die letztlich den Veränderungen in der Schullandschaft Rechnung trägt und im Vergleich zu bisher in Summe keine wesentlichen Verschlechterungen oder unverhältnismäßigen Belastungen mit sich bringt“, schreibt Hirth. Die Vereinheitlichung der Eigenanteile bei den Klassen 5 bis 10 sei nicht zuletzt vor dem Hintergrund der veränderten Schullandschaft und dem Wegfall der Pflichtschulen begründet. Der Eigenanteil bei den Berufsschulen und der Oberstufe der Gymnasien sei seit 15 Jahren unverändert. Diese jetzige Anpassung entspreche umgerechnet einer jährlichen Erhöhung von gerade mal 0,8 Prozent.

Die Elternbeiräte werfen dem Landkreis außerdem vor, dass das Verkehrsamt eine detaillierte Kostenauflistung seit Jahren verweigere. Dazu Hirth: „Der Landkreis verfügt über keine Kenntnisse, die eine differenzierte Kostenbetrachtung, wie von den Elternvertretern gewünscht, ermöglichen würden. Daher ist auch der Vorwurf nicht haltbar.“

Roland Weinschenk (CDU), Bürgermeister von Bad Waldsee, dazu: „Wir haben dieses Thema sehr intensiv im Kreistag diskutiert und uns damit auseinandergesetzt. Die Vorlaufzeit für die Schulen, nur eine paar Tage vor der Umsetzung, ist zu kurz. Das ist unglücklich gelaufen.“

Johannes Volz, Gesamtelternbeiratsvorsitzender in Ravensburg, sieht die Betroffenheit natürlich mehr in den ländlichen Bereichen des Kreises Ravensburg. Betroffen seien aber auch immer mehr Schüler, die in Ravensburg weiterführende Schulen besuchen.

„Keine Kostentransparenz“

Thorsten Winkler, Gesamtelternbeiratsvorsitzender von Bad Waldsee, klagt: „Es ist ein bitteres Brot, dass der Landkreis nicht in der Lage ist, Kostentransparenz herzustellen.“ Es nütze den vielen auswärtigen Schülern des Bildungszentrums Bad Waldsee wenig, wenn sie mit der neuen Bodo-Karte durch ganz Baden-Württemberg mit dem Bus gondeln können und die Eltern dafür für die Schülermonatskarte zur Schule tiefer in die Tasche greifen müssen. Für manche Familien sei das auf Dauer nicht mehr bezahlbar, zumal die Tarife von Jahr zu Jahr automatisch erhöht werden können. Das wirke sich wie ein verdecktes Schulgeld aus. In Bayern könne der Schulbusverkehr doch auch kostenlos bewerkstelligt werden. Das müsste, so Winkler, auch im verhältnismäßig wohlhabenden Kreis Ravensburg möglich sein.

Familie Winkler ist selbst betroffen. Der ältere Sohn pendelt schon jetzt täglich von Wolfegg in die Schule nach Bad Waldsee. Und der Preis für die Monatskarte wird von jetzt 22 Euro im Monat auf voraussichtlich 35 Euro steigen. Wenn der Jüngere auch in Waldsee zur Schule geht, dann verdoppeln sich diese Ausgaben. „Viel Geld für wenig Leistung“, findet Winkler.

Dieter Hirscher, der Aulendorfer Elternbeiratsvorsitzende, sieht in Aulendorf schon allein 60 „Buskinder“ betroffen. Neben den steigenden Kosten und der fehlenden Transparenz stört ihn auch noch eine Aulendorfer Besonderheit. Die zwei großen Busschleifen, die eine über Tannhausen, die andere über Zollenreute, führten dazu, dass die Grundschüler bisweilen schon um 6.30 Uhr an der Bushaltestelle stehen müssten, eine Stunde vor Unterrichtsbeginn. Für Sechs- bis Zehnjährige sei dies hart. Und das führe dann dazu, dass viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. Die Aktion der Elternbeiräte im Kreis Ravensburg hält er für eine gute Sache. Hirscher: „Wir sind jetzt gut vernetzt.“ Und deshalb hofft er, dass der Protest in Landratsamt und Kreistag eine positive Reaktion auslöst. Es habe an rechtzeitiger Information über den Kreistagsbeschluss gefehlt.

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