Umfrage: Friedens-Hoffnung der Afghanen schwindet

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Deutsche Presse-Agentur

Gut sieben Jahre nach dem Sturz der Taliban schwindet bei der Mehrheit der Afghanen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.

Wie eine im Februar veröffentlichte repräsentative Umfrage von WDR/ARD, dem US-Sender ABC und der britischen BBC ergab, ist nur noch eine Minderheit von 40 Prozent der Afghanen der Ansicht, dass sich ihr Land in die richtige Richtung entwickelt. Vor drei Jahren waren es mit 77 Prozent noch fast doppelt so viele.

Vor dem Hintergrund der alltäglichen Erfahrung von Krieg und Armut ist das anfängliche Vertrauen der Bevölkerung in den Wiederaufbau inzwischen in Resignation und Ablehnung umgeschlagen. Während im Norden Afghanistans der Stimmungsumschwung vor allem auf die anhaltend schlechte Wirtschaftslage zurückzuführen ist, belastet die Menschen im umkämpften Süden zusätzlich die alltägliche Gewalt.

Dabei stellen die Afghanen auch den internationalen Truppen im achten Kriegsjahr ein negatives Zeugnis aus. Nur jeder Dritte (32 Prozent) ist der Umfrage zufolge mit der Arbeit der US-geführten Koalition und der NATO-geführten Internationalen Schutztruppe ISAF zufrieden - vor drei Jahren waren es noch 68 Prozent. Rund die Hälfte der Afghanen (51 Prozent) dringt zudem auf einen schnellen Abzug der internationalen Truppen. Im umkämpften Südwesten sind es 71 Prozent.

Landesweit geben immer mehr Menschen an, von Gewalttaten in ihrer näheren Umgebung zu wissen oder davon betroffen zu sein. 43 Prozent berichten von zivilen Opfern durch die Taliban, 34 Prozent durch die internationalen Truppen sowie 24 Prozent durch afghanisches Militär oder Polizei. In den südafghanischen Unruheprovinzen Helmand (92 Prozent) oder Kandahar (78 Prozent) kennt inzwischen nahezu jeder zivile Opfer von US-Angriffen. Entsprechend lehnen 77 Prozent der Afghanen diese Angriffe als „nicht akzeptabel“ ab.

Auch der Rückhalt für die afghanischen Behörden schwindet. Die Zustimmungswerte für Präsident Hamid Karsai sind seit November 2005 von 83 auf 52 Prozent gefallen, für die Zentralregierung von 80 auf 49 Prozent. Korruption in Verwaltung und Polizei halten 85 Prozent der Afghanen für ein Problem, 63 Prozent sogar für ein „sehr großes“.

Dennoch halten zwei Drittel der Bevölkerung (68 Prozent) weiterhin die Taliban für die größte Bedrohung der Sicherheit in Afghanistan. An einen militärischen Sieg über die Extremisten glauben jedoch nur noch 33 Prozent. Ein weiteres Drittel rechnet mit einer Verhandlungslösung, 19 Prozent befürchten einen endlosen Fortgang der Kämpfe und acht Prozent erwarten sogar einen Sieg der Taliban. Um den Konflikt zu beenden, sprechen sich 64 Prozent der Afghanen für Verhandlungen mit den Taliban und deren Beteiligung an der Macht aus.

Landesweit hat auch die Armut weiter zugenommen. Mehr als die Hälfte der Haushalte in Afghanistan (54 Prozent) muss mit weniger als 100 US-Dollar (77 Euro) im Monat auskommen. Nur ein Drittel (37 Prozent) gibt an, sich notwendige Lebensmittel leisten zu können. Und nur 31 Prozent sind in der Lage, den Preis für Heizöl zu bezahlen.

Für die Erhebung von ARD, ABC und BBC wurden 1534 repräsentativ ausgewählte Afghanen in allen 34 Provinzen des Landes befragt. Dabei stellten 176 ausgebildete Interviewer des Afghan Institute for Social and Public Opinion Research im Auftrag der Sender den Teilnehmern in persönlichen Interviews jeweils knapp 100 Fragen.

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