Tuberkulose: Fast vergessen und dennoch gefährlich

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Deutsche Presse-Agentur

Vor 100 Jahren starb in Deutschland jeder vierte Erwachsene an Tuberkulose. Und noch im Nachkriegsdeutschland hatte fast jede Familie Opfer zu beklagen.

Mittlerweile gerät das in Vergessenheit. Schließlich wütet die kurz TB genannte Infektionskrankheit jetzt vor allem in fernen Ländern. Doch Barbara Oberhauser von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe in Würzburg, warnt anlässlich des Welttuberkulose-Tages am 24. März: „Wenn man sich nicht darum kümmert, kann es auch hier wieder zu einem explosionsartigen Anstieg kommen.“

Pro Jahr registriert das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin rund 5000 Neuerkrankungen in Deutschland. Aufgrund dieser vergleichsweise nierigen Zahl empfiehlt die Ständige Impfkommission die früher übliche BCG-Impfung gegen Tuberkulose seit 1998 nicht mehr. Hinzu kommt laut RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher, dass die Wirkung des Impfstoffes nicht sicher belegt und mit Nebenwirkungen behaftet ist.

Damit ist die einzige Möglichkeit, einer Ansteckung vorzubeugen, den Kontakt mit Tuberkulose-Patienten zu vermeiden. Die wenigen Krankheitsfälle werden aber oft spät erkannt, weil die Symptome in der Regel sehr unspezifisch sind. Auch Mediziner denken angesichts der geringen Fallzahlen nicht als erstes an Tuberkulose.

„In vier von fünf Fällen ist die Lunge betroffen“, berichtet Udo Götsch, Tuberkulose-Experte beim städtischen Gesundheitsamt in Frankfurt/Main. Zu den Symptomen gehören länger andauernder Husten, oft auch blutiger Auswurf, Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsabnahme - daher auch der früher gebräuchliche Krankheitsname Schwindsucht.

„Die Lunge ist so etwas wie die Eintrittspforte in den Körper“, erklärt Götsch. „Wenn der Organismus nicht mit der Infektion fertig wird, können die Erreger auch in die Blutbahn eindringen.“ Dann komme es an anderen Organen ebenfalls zu Krankheitserscheinungen. So kann beispielsweise Blut im Urin oder eine eingeschränkte Nierenfunktion auf Tuberkulose in der Niere hindeuten. Unspezifische Bauchschmerzen können Anzeichen dafür sein, dass der Darm betroffen ist.

Zur Diagnose dienen Haut- und Bluttests, Gewebeuntersuchungen, Bildgebungsverfahren und kulturelle Erregernachweise. Ist die Krankheit bestimmt, stehen die Heilungschancen sehr gut: Über einen Zeitraum von sechs Monaten werden vier verschiedene Medikamente verabreicht. „Wird zu kurz, zu wenig oder mit den falschen Medikamenten therapiert, so sind häufig Resistenzen die Folge“, warnt Medizinerin Oberhauser. Eine solche Resistenz kann zwar mit Reservemedikamenten behandelt werden. Doch das dauert dann zwei Jahre. Das Risiko von Nebenwirkungen ist deutlich höher.

Tuberkulose-Patienten, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist, können diese auch übertragen. „Insgesamt ist Tuberkulose weit weniger ansteckend als andere Tröpfchen-Infektionen“, fasst Götsch zusammen. Deshalb werden nach der Meldung eines TB-Falles auch nur Personen untersucht, die sich mindestens acht Stunden mit dem Patienten in einem Raum befanden, oder Menschen, die ihm kurzfristig intensiv ausgesetzt waren - wie ein Arzt, der angehustet wurde. Solche Kontaktpersonen werden meist mit einem Antibiotikum behandelt.

Das Tückische an Tuberkulose ist: Nur in den wenigsten Fällen bricht sie direkt nach einer Infektion aus. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass ein Drittel der Menschheit mit Tuberkulose-Erregern infiziert ist, ohne es zu wissen. „Nur bei fünf bis zehn Prozent der Infizierten kommt es im Laufe ihres Lebens zum Ausbruch der Krankheit. Das kann jedoch Jahre nach der Infektion sein“, sagt Götsch.

Ein gesunder Körper hat die Erreger oft so lange im Griff, bis er in irgendeiner Form geschwächt wird. „Wir haben einen sehr hohen Anteil älterer Patienten, die sich irgendwann nach dem Krieg angesteckt haben, und jetzt durch Diabetes oder Rheuma so stark angegriffen sind, dass der Organismus nicht mehr mit den Erregern fertig wird“, erläutert Oberhauser. Ähnlich betroffen sind Migranten, die entweder mit einer Infektion nach Deutschland kommen oder sich bei einem Heimatbesuch anstecken. Auch Obdachlose, HIV-Infizierte und Tumorpatienten zählen zu den Risikogruppen.

Weltweit werden laut Weltgesundheitsorganisation jährlich rund neun Millionen Neuerkrankungen registriert. Besonders betroffen sind Entwicklungs- und Schwellenländer wie Indien, China, Indonesien, Nigeria, Bangladesch und Pakistan. Besonders in Afrika befördert die Immunschwächekrankheit HIV den Ausbruch von Tuberkulose. So verlange eine Reihe von Ländern bei Langzeitaufenthalten zum Beispiel an Schulen oder Universitäten eine Impfung, erläutert das Robert-Koch-Institut. Inzwischen werde auch an Impfstoffen mit einer besseren Wirkung geforscht.

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