Trubel auf dem Autofriedhof dank Abwrackprämie

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Deutsche Presse-Agentur

Auf dem Hof von Stefanie Wolter sind sie alle vereint: Deutsche und Franzosen, Italiener und Japaner, selbst ein Amerikaner und ein Engländer sind dabei - friedlich, still, kaputt.

Wolters Betrieb ist einer der größten Autoverwerter in Nordhessen. Auf deutschen Schrottplätzen geht es derzeit turbulent zu. Die Abwrackprämie beschert den Abwrackern ein Vielfaches der üblichen Arbeit.

„Normalerweise kriegen wir ein, zwei alte Autos am Tag rein. Jetzt sind es manchmal zehn“, sagt Wolter. „Auf unserem Hof stapeln sich die alten Fahrzeuge und wir kommen kaum noch nach.“ Tatsächlich stehen die alten Golfs, Astras und Escort in dichten Reihen, jeder Zentimeter Platz ist genutzt. „Und das, obwohl wir jetzt zwei Tage den Kran da hatten. Da sind Dutzende Wagen in die Presse gekommen.“.

Dabei sei die Autoverwertung jahrelang das Stiefkind der Politik gewesen, sagt Stefanie Wolter. „Dafür hat sich keiner richtig interessiert. Teilweise wollten die Behörden die Verwertungsnachweise gar nicht mehr haben.“ Mit der EU-Erweiterung seien zudem viele alte Autos nach Osteuropa verschwunden. „Und damit natürlich auch die Rohstoffe. Man kann ja heute fast alles wiederverwerten. Was von einem Auto übrigbleibt, sind zwei Handvoll“, sagt die Mitbesitzerin der Pfeil Autoverwertung GmbH.

Seit der Abwrackprämie stehe das Telefon kaum noch still. „Die Aufklärungsarbeit hat die meiste Zeit gekostet.“ Dabei wolle sie den Kunden alles aus der Hand nehmen: „Das geht für alle am einfachsten. Die Kunden bringen Auto, Papiere und Nummernschilder, wir kümmern uns um die Verwertung und darum, dass das Amt das Fahrzeug aus dem Register streicht. Die Kunden kriegen dann den fertigen BAFA-Antrag.“ Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle überweist dann die 2500 Euro.

„Mit Schrott ist kaum noch Geld zu machen. Die Rohstoffpreise sind ja plötzlich wieder am Boden“, sagt Detlef Orzel. Er ist der zweite Mitbesitzer und weiß kaum noch, wohin mit den Altautos. „Früher kam mal jemand und wollte einen Kotflügel für den Kadett oder einen Scheinwerfer vom Passat. Jetzt kommen die Kunden dutzendfach und bringen ihre Autos gleich mit.“ Manchmal seien beide Seiten zufrieden, wenn der Schrottplatz den Wagen kostenlos entsorge, manchmal gebe er auch ein paar hundert Euro. „Wir schauen dann genau, was noch zu gebrauchen ist, lassen den Motor ein paar Minuten laufen und bauen verwendbare Teile ab. Dann wird die Flüssigkeit vorsichtig entsorgt und dann: Presse.“

Dafür seien manche Oldtimer eigentlich viel zu schade. „Schauen Sie mal, der Golf. Da würde sich mancher Familienvater drüber freuen. Und über den Astra da auch.“ Durch die Abwrackprämie würden Autos verschrottet, die früher noch einen Fahranfänger oder als Zweitwagen erfreut hätten. Orzel klappt kopfschüttelnd eine Motorhaube auf. Die Batterie sieht neu aus. „10.9.08“ steht drauf.

„Es tut in der Seele weh. Mein Toyota ist zum Abwracken viel zu schade“, sagt Anette Wagner. Gerade hat sie ihren 16 Jahre alten Wagen der Presse übergegeben. „Der hat erst 90 000 runter. Ich fahre ihn jetzt vier Jahre ohne jede Reparatur. Eigentlich eine Affenschande.“ Gerade noch hat sie für den iPod ein neues Radio einbauen lassen. „Aber der Wagen hat mich 1500 Euro gekostet. Jetzt kriege ich 1000 mehr. Das ist das erste Auto, das mir Geld einbringt.“ Der neue Suzuki hat wieder keinen Eingang für ihren MP3-Player. „Aber er verbraucht nur noch die Hälfte.“

Betrügereien mit der Abwrackprämie hält Wolter kaum für möglich. „Natürlich gibt es schwarze Schafe. Aber das sind absolute Einzelfälle.“ Denn Autoverwerter hätten grundsätzlich immer nur für zwölf Monate eine Lizenz. „Da riskiert keiner seine Existenz für einen Schrottwagen.“ Außerdem habe jeder sowieso genug zu tun. Eine Urlaubssperre hat sie den vier Angestellten nicht ausgesprochen. „Bei dem, was wir jeden Tag auf den Hof kriegen, traut sich sowieso keiner zu fragen.“

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