Trittbrettfahrer halten Polizei in Atem

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Deutsche Presse-Agentur

Zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten sind in Deutschland zahlreiche Nachahmungstäter nach Drohungen gegen Schulen festgenommen worden.

In mehreren Bundesländern war die Polizei am Freitag teils pausenlos im Einsatz, weil Trittbrettfahrer Bluttaten unter anderem im Internet angekündigt hatten. Zumindest in einem Fall folgte die Strafe auf dem Fuß: In Remscheid (Nordrhein-Westfalen) verurteilte ein Richter am Freitag im Schnellverfahren einen 16-jährigen Hauptschüler wegen der Androhung eines Amoklaufs zu zehn Tagen Arrest.

In Baden-Württemberg ergingen gegen einen 16-jährigen aus Kippenheim und einen 20-Jährigen aus Esslingen Haftbefehle. „Wir wollen gerade nach den schrecklichen Geschehnissen in Winnenden ein deutliches Zeichen setzen, dass damit nicht zu scherzen ist“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer. Auch aus anderen Bundesländern wurden Drohungen gegen Schulen vermeldet. Mehrere Jugendliche wurden festgenommen, an einigen Schulen fiel wegen angeblicher Amok-Ankündigungen der Unterricht aus. Die Polizei in Hessen sprach von „schlechten Scherzen“, dennoch müsse allen Hinweisen nachgegangen werden.

Ausgerechnet in Wendlingen (Baden-Württemberg), wo beim Amoklauf am Mittwoch zwei der Opfer von Tim K. erschossen wurden, nahm die Polizei während des Unterrichts einen 15-Jährigen fest. Er gab zu, mit roter Kreide eine Amok-Drohung auf dem Hof einer Realschule geschrieben zu haben. Die Folge: Ein Strafverfahren; außerdem muss er für den Polizeieinsatz zahlen.

In Trier rückte sogar ein Spezialeinsatzkommando an und nahm in der Nacht zum Freitag einen 20-Jährigen fest, der „aus Blödsinn“ eine Amokdrohung ins Internet gestellt hat.

Alle Trittbrettfahrer riskieren viel, wie Experten am Freitag betonten. Es drohen empfindliche Strafen. „Diese gehen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe“, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Wirz, Sprecher des baden-württembergischen Justizministeriums, dem Audiodienst der dpa. Nach Ansicht des Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz lässt sich die Zahl der Trittbrettfahrer vor allem durch Festnahmen und harte strafrechtliche Konsequenzen verringern.

Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) forderte härtere Strafen für die Androhungen: „Um bereits im Gesetz deutliche Signale zu senden, wäre eine Strafrahmenverschiebung nach oben sicher kein Fehler“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa. Zugleich verwies er auf die empfindlichen Schadensersatzforderungen, die auf einen Täter zukommen. „Der Täter ist dann oft ein Leben lang damit beschäftigt, seine Schulden abzustottern. Da schützt ihn auch sein jugendliches Alter nicht.“

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