Training für Notfälle in Simulator und Schwimmbad

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Deutsche Presse-Agentur

Der glimpfliche Ausgang des Flugzeugunglücks von New York war Glück im Unglück. Doch daneben war es auch die professionelle Leistung der gesamten Flugzeugbesatzung, die mehr als 150 Leben gerettet hat.

Luftfahrtexperte Jürgen Heermann, ehemaliger Flugingenieur bei der Lufthansa und Autor des Buches „Warum sie oben bleiben“, beantwortet im Experteninterview der Deutschen Presse-Agentur dpa Fragen rund um Flugzeugnotfälle.

Wie gefährlich ist eine Notwasserung?

Heermann: „Eine Notwasserung ist in jedem Fall nicht unkompliziert. Es hängt ganz davon ab, wie ruhig die Wasseroberfläche ist. Wellengang ist schädlich. Grundsätzlich gilt: Bei hoher Geschwindigkeit ist das Wasser sehr hart. Wie hart Wasser sein kann, merkt man schon, wenn man im Schwimmbad mit der ganzen Körperfläche aufs Wasser fällt. Ein Flugzeug hat immerhin eine Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern oder mehr. Unglücke in der Vergangenheit haben leider immer wieder gezeigt, dass eine Notwasserung nur selten glimpflich ausgeht.“

Wie werden Piloten vorbereitet?

Heermann: „Die Cockpit-Crew wird in Theorie und Praxis - sprich: im Simulator - vorbereitet. Das ist eine umfangreiche Prozedur, auch wenn sie unter Umständen im Ernstfall schnell abläuft. Aber nicht nur die Cockpit-Besatzung muss funktionieren, sondern auch die Kabinen- Crew. Die Flugbegleiter sind ebenfalls für solche Situationen gründlich ausgebildet. Dafür wird sogar in großen Schwimmbädern geübt.“

Was muss der Pilot konkret tun?

Heermann: „Wir müssen sagen "die Piloten". Denn das Zusammenspiel der Cockpitbesatzung ist sehr wichtig bis zum Aufsetzen auf dem Wasser. Unmittelbar vorher werden die Triebwerke komplett abgestellt. Wünschenswert ist es, dass das Fahrwerk eingefahren ist. Das Flugzeug muss so waagerecht wie möglich zur Wasseroberfläche aufsetzen. Die Art der Befestigung der Triebwerke sieht vor, dass sie sich eventuell bei der Notwasserung von der Tragfläche trennen.“

Wie müssen sich die Passagiere verhalten?

Heermann: „Eine Vorbereitung der Passagiere durch die Kabinen-Crew ist sehr wichtig. Kurz vor der Notwasserung gibt es eine Durchsage aus dem Cockpit, in der das bevorstehende Aufsetzen angekündigt wird. Wann immer ein Flugzeug über Wasser startet, muss vorher eine Schwimmwesten-Einweisung gegeben werden. Das sollte auch jeder Passagier ernst nehmen. Leider ist immer wieder zu beobachten, dass Passagiere solche Vorführungen bewusst nicht beachten, um sich nicht als Neuling enttarnen zu lassen.“

Wie sind Flugzeuge konstruiert, damit sie bei einem Aufprall möglichst nicht sofort untergehen?

Heermann: „Zum Beispiel ist bei allen gängigen Passagierflugzeugen sichergestellt, dass eindringendes Wasser nicht sofort die Passagierkabine erreicht und das Flugzeug zu schnell sinken lassen würde. So gibt es in Lüftungsschlitzen aufschwimmende Kunststoffbälle, die die Öffnungen im Kabinenfußboden verschließen.“

Wie oft kommt Vogelschlag vor?

„Vogelschlag ist bei uns in Europa seltener als in anderen Regionen wie zum Beispiel den USA oder auch Afrika. Gibt es einen Vogelschlag, muss das aber keinesfalls zwangsläufig zum Triebwerksausfall führen. Im allgemeinen riecht es unmittelbar nach einem solchen Vorfall in der Kabine nach Brathähnchen.“

Wie gefährlich ist Vogelschlag?

„Auch wenn solche Fälle extrem selten sind, kann Vogelschlag zu einem Triebwerksausfall führen. Grundsätzlich aber werden die Startleistungen eines jeden Verkehrsflugzeugs für den ungünstigsten Fall berechnet, dass ein Triebwerk komplett ausfällt. Der Ausfall kann sogar noch auf der Startbahn geschehen, und das Flugzeug kann dennoch sicher abheben.“

Was wird getan, um die Vogelschlaggefahr zu verringern?

Heermann: „Einerseits sind die Triebwerke so konstruiert, dass sie Vogelschlag möglichst ohne Ausfall überstehen. Andererseits bemühen sich die Flughäfen, dass Vögel aus Landebahnnähe möglichst vertrieben werden.“

Totaler Triebwerksausfall - was passiert dann?

„Jedes Verkehrsflugzeug kann ohne laufende Triebwerke segeln. Und es ist dabei auch steuerbar. Nach Triebwerksausfall gibt es trotzdem nur Eines: Das Flugzeug segelt abwärts. Kurz vor dem Aufsetzen verringern die Piloten die Sinkgeschwindigkeit. Damit sinkt zugleich die Fluggeschwindigkeit auf ein Minimum.“

War die Notwasserung auf dem Hudson River eine Glanzleistung?

Heermann: „Bei solch einem Ereignis lobt man zu Recht die Crew. Dabei darf man nicht vergessen, dass es überall auf der Welt immer wieder Situationen gibt, die von den Besatzungen mit höchster Professionalität erledigt worden sind, kein Schaden entsteht und niemand etwas davon erfährt.“

Interview: Wolfgang Duveneck, dpa

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