Tränen statt Schullärm: Kein Alltag in Winnenden

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Deutsche Presse-Agentur

„Warum?“ „Was hattest du nur gegen die Schülerinnen?“ „Warum hast du das getan?“ - keine andere Frage beschäftigt die Schüler einen Tag nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden mehr, als die nach dem Grund für die grauenvolle Tat.

Unterricht nach Plan war nur für die wenigsten Schüler und Lehrer der Schulen in der Umgebung denkbar. In den meisten Schulen sind am Eingang Tische aufgebaut, umrandet von Trauerflor, geschmückt mit Blumen und Kerzen.

Auch in der Stöckachschule, die nur wenige hundert Meter entfernt von der Albertville-Realschule liegt, steht solch ein Gedenktisch. In einem Fenster der Grund- und Hauptschule hängt noch ein Zettel, der Eltern am Tag der Bluttat beruhigen sollte: „Die Kinder können erst gehen, wenn wir eine offizielle Entwarnung bekommen. Hier sind sie sicher.“ Den wenigen Schülern, die am Donnerstag kurz vor Mittag noch auf dem Hof sind, steht das Entsetzen noch ins Gesicht geschrieben. „Mich hat das total mitgenommen“, erzählt eine Viertklässlerin.

Sprachlos seien sie, sagen zwei Neuntklässler vom Lessing- Gymnasium, das an die betroffene Realschule grenzt. Gehört haben sie nichts von den Schüssen. Allerdings haben sie die Leiche des vom Amokläufer auf der Flucht erschossenen Gärtners gesehen. Sie stehen noch unter Schock. Am Morgen nach der Tat gab es in ihrer Schule Andachten. Den ganzen Tag konnten die Schüler mit Psychologen sprechen. „Mit denen können wir über die Sache reden“, sagt eine der beiden Schülerinnen. „Es tut weh, dass man so etwas erlebt“, fügt die andere hinzu. Normalen Unterricht soll es für sie in dieser Woche nicht mehr geben.

Ihre Trauer zu Papier bringen konnten die Schüler der Waiblinger Stauferschule. Mehrere Tische am Eingang sind mit Kerzen übersät. An den Wänden hängen Zettel mit immer der gleichen Frage - die nach dem „Warum“. Am Donnerstagmorgen gab es in fast allen Stunden Gespräche mit den Lehrern. Dabei waren alle sehr bestürzt, erzählen die Schüler. Erst am Nachmittag sollte der Unterricht dort wie geplant weitergehen.

Auch in der Grund- und Hauptschule in Remshalden-Geradstetten sollen sich die Schüler ihre Gefühle von der Seele schreiben. Die Religionslehrerin Gabriele Bien hat auf einem Tisch Papierbahnen ausgelegt. „Ich bin traurig“, „Ich habe Angst“, „Ich wünsche mir, dass das hier nie passiert“, haben die Schüler darauf geschrieben. „Das war sehr schmerzhaft“, sagt der 11-jährige Alexander.

„Die Kinder waren bestürzt“, erzählt die Lehrerin. Sie ließ die Schüler über die Ereignisse im Unterricht sprechen. Sie selbst habe sich dabei eher im Hintergrund gehalten. „Es ist wichtig, den Kindern Raum für ihre Gefühle zu geben.“ Und auch wenn manche bei den ersten Meldungen nicht das Ausmaß begriffen hätten, seien sie doch alle sehr betroffen und würden eben mit Witzen ihre Unsicherheit und Angst verstecken.

Für diesen Freitag ist ein Gottesdienst geplant, erklärt Schulleiter Michael Gomolzig. Bis dahin soll zumindest für viele der älteren Hauptschüler wieder so etwas wie Alltag einkehren. Sie stecken mitten in ihrer Abschlussprüfung.

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