Tränen statt Schullärm: Kein Alltag in Winnenden

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Deutsche Presse-Agentur

Übertragungswagen der Medien haben am Tag nach dem Amoklauf von Winnenden die Polizei- und Rettungswagen vor der Albertville-Realschule abgelöst.

Immer wieder brechen Schülerinnen und Schüler in Tränen aus und schluchzen, als sie vor einem Meer aus Kerzen und Blumen stehen. „Warum?“ - auf fast jeder Trauerbotschaft ist diese Frage zu lesen. „Meine Schwester hat den Tim gesehen, aber er sie zum Glück nicht“, sagt die 13-jährige Rabia. Sie und ihre Freundinnen besuchen die Geschwister-Scholl-Realschule in der Nähe. An Unterricht ist am Donnerstag nicht zu denken. Sie liegen sich still in den Arme und legen ein paar Tulpen nieder.

Schon morgens um 6.00 Uhr waren die Schüler vor das weiße Schulgebäude gekommen, um in aller Stille zu gedenken. Und auch gegen 9.30 Uhr, genau 24 Stunden nachdem Tim K. für das Blutbad in den Klassenräumen sorgte, fehlt der normale Pausenlärm. Die Schule ist komplett abgeriegelt, Polizisten bewachen sie. Ab und an taucht auch noch die Spurensicherung in ihren weißen Overalls auf.

Auf Interviews haben nur wenige Schüler Lust. Immer wieder die Frage: „Kanntest Du Tim?“ Eine Schülerin erzählt, Tim K. habe öfters Freunde nach Hause eingeladen. „Die haben dann auch mit dem Luftgewehr geschossen. Aber in die Schule hat er nie eine Waffe mitgebracht.“ Trotzdem hat er dem 17-jährigen Fatih (16) am Mittwoch einen Freund genommen. Er weiß nicht, wie er seine Gefühle ausdrücken kann. „Was soll ich sagen? Mein Kumpel war ein echt netter Typ.“ Er habe noch nicht wirklich realisiert, was passiert ist.

Hin und wieder ernten die Reporter aus der ganzen Welt böse Blicke, sie haben die Realschule praktisch umstellt. Am Lessing-Gymnasium nebenan befestigen Schüler ein Transparent am Fenster: „Keine Presse“ steht dort geschrieben. Weniger Medienandrang gibt es in der Stadthalle auf der anderen Seite der Straße. Dort hat das Deutsche Rote Kreuz ein Betreuungszentrum eingerichtet. Ein Mann kommt heraus, schlägt sich wortlos die Hände vors Gesicht.

Einige hundert Meter weiter steht das Georg-Büchner-Gymnasium, und einen Moment lang sieht und hört es sich an wie Alltag, als etliche Schüler herauskommen. Unter ihnen der 16-jährige Alexander. „Wir haben heute alle eine Schweigeminute eingelegt. Dann haben die Lehrer Gedenkblätter ausgeteilt, auf denen wir unsere Gedanken runterschreiben konnten. Das tat gut.“ Eine Zwölftklässlerin erzählt, ein Lehrer habe versucht, normalen Unterricht zu halten. „Die haben ihn ausgebuht“, sagt sie.

In der Fußgängerzone der 28 000-Einwohner-Stadt ist der Wochenmarkt am späten Vormittag fast so stark belebt wie immer. Doch am alten Rathaus - über den Marktständen - hängt die Fahne mit dem Stadtwappen auf Halbmast. An einem Stand brennt ein Grablicht. „Es ist weniger los als sonst“, sagt eine Obstverkäuferin. Eine Kollegin von ihr macht sich Gedanken über den Täter Tim K.: „Die Mutter hat gar keine Liebe gehabt für den Bua.“

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