Tops & Flops des deutschen Sports 2008

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Deutsche Presse-Agentur

Ein vollgepacktes Sportjahr 2008 geht zu Ende: Die Olympischen Spiele in Peking oder die Fußball-EM in der Schweiz und Österreich sind nur zwei Höhepunkte gewesen. Die größten Tops und Flops hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zusammengestellt.

BRITTA STEFFEN: Die Schwimmerin schüttelte im „Wasserwürfel“ von Peking alle Wassertropfen ab: Erwartungen, Kritik, Selbstzweifel. Gold über 50 und 100 Meter Freistil für die blonde Berlinerin. „Dass aus diesem zappeligen Mädchen von früher eine mental so starke Frau geworden ist - einfach toll“, staunte auch die frühere Wasserratte Franziska van Almsick. Jetzt macht sie sich auf zu neuen Ufern: Ein halbjähriger Australien-Aufenthalt ist geplant.

FC BAYERN MÜNCHEN: Deutscher Meister, Pokalsieger, den Torschützenkönig und den „Fußballer des Jahres“ in seinen Reihen: Luca Toni und Franck Ribéry machten den Unterschied. Unter Tränen ging Trainer Ottmar Hitzfeld und machte Platz für Jürgen Klinsmann und die Buddha-Statuen. Dessen Umbaumaßnahmen verlangten Manager Uli Hoeneß vieles ab, spätestens nach dem 2:1 im Spitzenspiel gegen 1899 Hoffenheim war die Bayern-Welt aber wieder in Ordnung.

MATTHIAS STEINER: Der stärkste Mann der Welt machte alle schwach. Als der Gewichtheber in Peking 461 Kilo im Reißen und Stoßen in die Höhe gewuchtet hatte, sorgte er auf dem Treppchen für die bewegendste Szene des Sportjahrs: Zusammen mit seiner Goldmedaille hielt er das Foto seiner bei einem Autounfall verstorbenen Frau Susann in die Höhe. Das Bild ging um die Welt, der gebürtige Österreicher Steiner konnte sich danach nicht vor Einladungen und Ehrungen retten.

NADA: Die Nationale Anti-Doping-Agentur machte mobil. Neue Struktur, mehr Geld, mehr Personal. Im Fall der verweigerten Doping-Kontrolle von Eishockey-Nationalspieler Florian Busch zeigte sie Härte, außerdem initiierte sie das Deutsche Sportschiedsgericht in Köln. Und im nächsten Jahr baut sie ein Kontrollsystem für Pferde auf.

JAN FRODENO: 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen ins Glück - einen Tag nach seinem Geburtstag kürte sich der Triathlet überraschend zum Olympiasieger. Sein cooles Motto für die Hitzeschlacht: „Es gibt kein Plan B, deswegen muss Plan A funktionieren.“ Auch bei den deutschen Sport-Assen stand der Dreikämpfer ganz oben: Sie wählten den Saarbrücker zum „Champion des Jahres“.

1899 HOFFENHEIM: Der Dorfverein mischte den deutschen Fußball auf. Unter Trainer Ralf Rangnick stürmte der Aufsteiger aus Nordbaden an die Tabellenspitze. Abwehrchef Marvin Compper wurde Nationalspieler und die Offensivabteilung um Torjäger Vedad Ibisevic wirbelte wie wild. Mäzen und Milliardär Dietmar Hopp muss sich jedoch üble Beschimpfungen anhören - mit dem Erfolg kommt eben der Neid.

TRAUMPAAR: Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, eine gebürtige Ukrainerin und ein Sohn eines Arztes aus Tansania und einer Deutschen, holten in Göteborg Eiskunstlauf-Gold - die ersten Weltmeister der DEU seit elf Jahren. Aber zwischen dem schwierigen und Stasi-belasteten Trainer Ingo Steuer und dem Verband herrschte Eiszeit.

DIRK NOWITZKI: Der Größte marschierte vorneweg - der 2,13-Meter-Mann trug bei der Eröffnungsfeier in Peking die deutsche Fahne und gab mit einem unprätentiösen Auftreten ein famoses Bild ab. Auch wenn die deutschen Basketballer um den NBA-Star nicht den großen Wurf landeten und in der Gruppenphase hängen blieben. „Da krieg' ich heute noch Gänsehaut“, sagte Olympia-Fan Nowitzki, der am liebsten „alle 10 000 Sportler kennengelernt hätte“.

BRITTA HEIDEMANN UND BENJAMIN KLEIBRINK: Doppeltreffer der deutschen Fecht-Asse - Olympia-Gold mit dem Degen und dem Florett innerhalb von 20 Minuten. Für Sinologie-Studentin Heidemann war's nach vielen China-Aufenthalten fast ein Heimspiel, sie spricht fließend Mandarin. Kleibrink trat aus dem Schatten des dreimaligen Weltmeisters Peter Joppich und hielt sich trotz seines größten Erfolgs an sein Motto: „Ich muss nicht im Vordergrund stehen.“

HOCKEY-HELDEN: Nach 1972 und 1992 das dritte Gold für ein Team, das zwischen den Sommerspielen wenig im Rampenlicht steht. Christopher Zeller schießt mit einer verwandelten Strafecke das 1:0 für Deutschland im Finale gegen Spanien. Der Macher stand jedoch am Rande des Kunstrasens: Trainer Markus Weise hatte schon 2004 in Athen die deutschen Hockey-Frauen zum Olympiasieg geführt.

LENA SCHÖNEBORN: Moderner Fünfkampf, ein Relikt aus den Zeiten Pierre de Coubertins - dachten viele. Doch ein Lockenkopf aus Troisdorf hob die fast vergessene Sportart mit Pistolenschießen, Degenfechten, Schwimmen, Springreiten (mit einem fremden Pferd!) und Crosslauf wieder auf die deutsche Landkarte. Mit ihrem überraschenden Olympia-Triumph erteilte sie allen Nachhilfeunterricht.

TIMO BOLL: Die Gegner müssen meist die Platte putzen bei den Tischtennis-Ass. Bei der Europameisterschaften in St. Petersburg wiederholte der 27-Jährige aus dem Odenwald seinen Dreifach-Triumph aus dem Vorjahr - Gold im Einzel, Doppel und mit der Mannschaft. Im Olympia-Finale scheiterte das von Boll angeführte deutsche Team an China - was überhaupt keine Schande war.

UNSAUBERE RADPROFIS: Eine rasante Talfahrt der deutschen Asse, die mit weiteren Doping-Schlagzeilen eine ganze Sportart aus dem Tritt brachten. Mitten drin: der einst bei der Tour gefeierte Stefan Schumacher, der allerdings unsaubere Methoden bestreitet. Das Team Gerolsteiner um Hans-Michael Holczer musste gar dichtmachen - auch weil der österreichische Vorfahrer Bernhard Kohl überführt wurde. Und in Erik Zabel beendete ein ebenfalls längst entzaubertes Vorbild seine Karriere.

MICHAEL BALLACK: Wieder kein Titel für den „ewigen Vize-Meister“: Bei der EM unterlag die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem Kapitän im Finale Spanien - und zoffte sich danach mit Oliver Bierhoff. Später folgte die öffentliche Kritik an Bundestrainer Joachim Löw - ein Eigentor. Den Titel in der Premier League und in der Champions League mussten Ballack und der FC Chelsea Manchester United überlassen.

TENNISPROFIS: Spiel, Satz und - Niederlage. Das Doppel Nicolas Kiefer/Rainer Schüttler (Aus in Runde eins) machte das Olympia-Debakel perfekt, davor gab's viel Theater um die Nominierung. Thomas Haas schrieb nur Schlagzeilen mit seiner Schulterverletzung - „Wäre ich ein Pferd, wäre ich schon dreimal erschossen worden.“ Anna-Lena Grönefeld gelingt zwar ein hart erkämpftes Comeback, aber in der Weltrangliste rangieren die Profis aus dem Land von Steffi Graf und Boris Becker unter ferner liefen.

EISHOCKEY-ASSE: Schrieben vor allem durch die verweigerte Doping-Kontrolle von Nationalspieler Florian Busch Schlagzeilen. Bei der WM gab's weitere Peinlichkeiten: Der gebürtige Kanadier Jason Holland wurde zu Unrecht eingesetzt, gegen Gastgeber Kanada setzte es ein 1:10, und Bundestrainer Uwe Krupp empfahl den ungehaltenen Anhängern doch heimzufliegen: „Wenn uns die Fans nicht unterstützen wollen, sollen sie das nächste Flugzeug nach Hause nehmen. Es gehen jeden Tag drei Flüge.“

LEICHTATHLETEN: Von wegen höher, schneller, weiter. Nur Bronze durch Speerwerferin Christina Obergföll - in Peking legte der DLV die schlechteste Olympia-Bilanz seit 104 Jahren hin. Und das ein Jahr vor den Weltmeisterschaften in Berlin. Der Chef-Bundestrainer Jürgen Mallow wurde an den Schreibtisch versetzt. Rüdiger Harksen und Herbert Czingon sollen nun der olympischen Kernsportart wieder Beine machen, eine der schwierigsten Aufgaben im deutschen Sport für 2009.

FABIAN HAMBÜCHEN: Der Vorturner wollte und sollte bei den Sommerspielen unbedingt der große Star werden, doch er gewann nur Bronze am Reck. „Eine Medaille ist ja eigentlich nicht schlecht, aber ich war so auf das verdammte Gold fixiert. Es ist fast schon eine dumme Einstellung“, räumte er ein.

SPORTHILFE: Ann Kathrin Linsenhoff, die Dressur-Olympiasiegerin von 1988, warf das Handtuch als Vorstandsvorsitzende der Stiftung - Differenzen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Wilhelm Gäb. Schwimmstar Franziska van Almsick und Top-Manager Werner E. Klatten sollen nun den Laden wieder auf Vordermann bringen.

HANDBALL-HELDEN: Tränen bei den Weltmeistern - die hoch gehandelte Mannschaft von Heiner Brand scheiterte in Peking nach dem 21:27 gegen Europameister Dänemark bereits in der Vorrunde. „Das war nicht unser Turnier. Aber wir sind nicht für immer und ewig verschwunden“, sagte DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier.

RUDERER: Ein Schlag ins Wasser - zum ersten Mal seit 52 Jahre blieben die früheren Medaillengaranten bei Olympia ohne Gold. Vor allem der kurzfristig umbesetzte Achter ging als Letzter baden. Dafür waren die Kanuten mit dreimal Gold und Bronze und zweimal Silber die erfolgreichsten deutschen Medaillensammler in Peking - dennoch das schlechteste Abschneiden einer gesamtdeutschen Flotte.

3. FUSSBALL-LIGA: Eine schwere Geburt. Beim Aufeinandertreffen zahlreicher Traditionsclubs gab's oft Ausschreitungen. Zudem passt vielen Vereinen nicht, dass mit dem FC Bayern München, Werder Bremen und VfB Stuttgart die zweiten Garnituren der wohlhabenden Bundesligisten mitmischen. In der Klasse darunter, der Regionalliga, darben derweil Clubs wie der 1. FC Magdeburg und Waldhof Mannheim.

REITER: Die großen Gold-Favoriten im Springen gingen in Peking leer aus - im Nachhinein kein Manko: Wegen der positiven Probe von Christian Ahlmanns Pferd Cöster hätte die erwartete Medaille mit der Mannschaft ohnehin zurückgegeben werden müssen. So sprangen die Vielseitigkeits-Spezialisten um Hinrich Romeike („Das war das i-Tüpfelchen auf dem i-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“) in die Bresche. Deren zwei Olympiamedaillen sind jedoch schon fast in Vergessenheit geraten.

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