Todesursache: soziale Ungerechtigkeit

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Deutsche Presse-Agentur

In der schottischen Großstadt Glasgow entscheiden 13 Kilometer über fast drei Jahrzehnte Lebenserwartung. Ein Kind aus dem Problemstadtteil Calton hat im Schnitt 28 Jahre weniger zu leben als ein Altersgenosse aus dem nahen Pendlerort Lenzie.

Mit diesem drastischen Beispiel untermauert ein neuer Bericht für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seine mahnende Botschaft: „Soziale Ungerechtigkeit tötet Menschen in großem Maßstab“, heißt es in dem am Donnerstag in Genf veröffentlichten Report. Weltweit koste soziale Ungerechtigkeit ungezählte Menschenleben. Nach Ansicht der Autoren ließe sich die tödliche Gerechtigkeitslücke jedoch innerhalb einer Generation schließen.

Am schlimmsten betroffen sind erwartungsgemäß die Entwicklungsländer: In Niger erlebt jedes vierte Kind nicht einmal seinen fünften Geburtstag. In den reichen Industrieländern dagegen stirbt nur jedes 150. Kind in den ersten fünf Lebensjahren. Eine Frau in Schweden hat ein Risiko von 1 zu 17 400 bei Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, eine in Afghanistan eines von 1 zu 8. Die Lebenserwartung eines Mädchens in Lesotho liegt 42 Jahre unter der eines Mädchens in Japan. „Die Biologie kann all dies nicht erklären“, betont die WHO.

Aber auch innerhalb einzelner Länder entscheidet soziale Ungerechtigkeit regelmäßig über Leben und Tod: In Australien leben Männer der Aborigines im Mittel 17 Jahre kürzer als andere Männer. Kinder einer bolivianischen Mutter ohne Schulbildung haben ein Sterberisiko von 10 Prozent, hat die Mutter einen Schulabschluss reduziert sich dieses Risiko auf 0,4 Prozent. Und fast 900 000 Todesfälle in den USA hätten sich in den 1990er Jahren vermeiden lassen, wenn schwarze und weiße Amerikaner dieselbe Lebenserwartung hätten. Der milliardenteure medizinische Fortschritt habe in derselben Zeit knapp 180 000 Leben in den USA gerettet, vergleicht die WHO.

Der Bericht, für den eine Expertenkommission unter Leitung von Michael Marmot vom University College London drei Jahre lang Daten gesammelt hat, fordert unter anderem, Geld, Macht und Rohstoffe weltweit, national und lokal gerechter zu verteilen. So habe die Globalisierung der vergangenen 25 Jahre zwar zu einem enormen Zuwachs des Reichtums weltweit geführt. Die Lücke zwischen den ärmsten und reichsten Ländern habe sich aber mehr als verdoppelt: 1980 habe das Bruttonationaleinkommen der Länder mit den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung 60 Mal so hoch gelegen wie jenes der Länder mit den zehn ärmsten Prozent der Weltbevölkerung. Nach 25 Jahren Globalisierung sei diese Differenz auf das 122-Fache gewachsen.

Mit leuchtendem Beispiel voran gehen nach Meinung der Kommission die nordischen Länder. Sie verfolgten eine Politik, die Gleichberechtigung, Vollbeschäftigung, gleichen Zugang zu Sozialleistungen und -diensten sowie eine Minimierung sozialer Ausgrenzung fördere. „Dies ist ein herausragendes Beispiel dessen, was überall auf der Welt geschehen muss“, betonten die Experten. Die Überwindung der Gerechtigkeitslücke sei mit entschlossenen globalen Anstrengungen möglich - der Zeitraum einer Generation sei dabei allerdings mehr eine Hoffnung als eine Prognose. „Beispiellose Führung ist nötig“, mahnte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan vor allem die Industrieländer. „Gesundheitssysteme werden nicht von selbst gerechter.“

www.who.int

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