Schwäbische Zeitung

Frankfurt/Main (dpa) ­ „Tatort“-Kommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) steckt in einer Lebenskrise. Als er sich bei der inneren Ermittlung seiner Polizeibehörde wegen einer Kopfnuss für einen Hooligan rechtfertigen muss, hat er die Faxen dicke.

Er setzt sich ins Auto und fährt einfach davon. Kurzentschlossen stattet er seiner alten Liebe Katrin Reuter (ausdrucksstark: Nina Kunzendorf) einen Überraschungsbesuch ab. Sie lebt inzwischen zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern auf einem Öko-Bauernhof in der Wetterau. Auf dem Land, nur wenige Kilometer vor den Toren der Großstadt Frankfurt, trifft Dellwo auf ein düsteres Geflecht aus scheinbar ausweglosen Abhängigkeiten und Zwängen.

Katrin freut sich sehr über den Besuch ihres früheren Freundes, steckt aber selbst in einer tiefen Krise mit ihrem Ehemann Jens (Martin Feifel) die auch mit der wirtschaftlich katastrophalen Lage des Hofs zusammenhängt. Für Jens Reuter ist Dellwo ein ungebetener Gast, dem er ­ obwohl Patenonkel seines Sohnes ­ nicht einmal ein Bett für eine Nacht anbietet. Dellwo zieht in den Gasthof, wo er sich mit Gerti anlegt, dem Sohn des Dorf-Patriarchen Plauer. Roland Plauer (überzeugend gespielt von Matthias Habich) hat als Großgrundbesitzer nicht nur den Reuter-Hof, sondern auch andere Bio-Höfe und scheinbar den ganzen Ort wirtschaftlich in der Hand.

Gleich in der ersten Nacht wird Dellwo von einem Unbekannten zusammengeschlagen und ihm wird eine Mundharmonika gestohlen, die Katrins Tochter bei einem abgestellten Auto mitten im Wald gefunden hatte. Am nächsten Tag ist der Wagen weg, wird aber kurz darauf aus einem Baggersee gezogen. Das Auto gehört dem Grundstücksspekulanten Gruber, der mehrfach versucht hatte, den Bauern ihre Grundstücke abzukaufen. Gruber ist seit einiger Zeit verschwunden und Dorfpolizist Peter Kurth (Jochen Kaleck) erwischt Jens Reuter, als er Grubers Wohnung durchwühlt. Daraufhin verschwindet auch Reuter, um kurz darauf - bewaffnet mit einem Gewehr - zu einem geheimnisvollen Treffen aufzubrechen. Katrin und Dellwo fahren ihm nach, finden ihn aber nur noch tot auf einem Feldweg vor seinem Wagen.

Dellwo betritt in seinem 15. Fall nicht nur „Neuland“ (so der Titel des „Tatorts“ des Hessischen Rundfunks), weil er außerhalb Frankfurts ermittelt. Der Film nach dem Buch von Bernd Lange verzichtet auch auf jede Verbindung zu den vorherigen Fällen. Dellwos Kollegin, Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), ist erstmals nicht dabei ­ der Hessische Rundfunk (hr) hatte aus Termingründen je einen „Tatort“ mit nur einem der Kommissare gedreht. Dellwo vermisst seinen Counterpart aber auch überhaupt nicht, dem Zuschauer hingegen dürfte die schillernde Ermittlerin durchaus fehlen.

An Dellwos Seite ermittelt diesmal der einsame und ebenfalls vom Dorf-Patriarchen Plauer abhängige Dorfpolizist. Dabei wimmelt es nur so von Klischees und Unstimmigkeiten. Regisseur Manuel Flurin Hendry nimmt in seiner ersten Regiearbeit für den hr viele Anleihen an klassische Film-Szenen aus Western, aus Road-Movies und aus französischen Großfamilien-Epen, die in dem „Tatort“ unecht oder unpassend wirken. Das Leben auf dem Land ­ am Rande einer der am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands ­ erscheint als öde entlegene Diaspora. Stimmungsvoll sind dagegen zahlreiche Bilder und die Musik aus den 60ern und 70ern ­ von Donovan bis Doors - mit der viele Szenen untermalt werden.

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