Tatort: Kassensturz

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Deutsche Presse-Agentur

Boris Blaschke, Gebietsleiter bei einer Discounterkette, hat kein Privatleben. Der dicke, großporige Mann mit Schnauzer im Gesicht wirkt gehetzt, wird von Konferenz zu Konferenz getrieben, steht mächtig unter Druck.

Bis zu seiner letzten Minute. Da wird Blaschke auf einer Müllkippe in Ludwigshafen gefunden - tot. Ein klarer Fall für Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihren Partner Mario Kopper (Andreas Hoppe). In ihrem nächsten Fall an diesem Sonntag (20.15 Uhr) machen sie „Kassensturz“ im schwierigen, undurchsichtigen Milieu eines Lebensmittel-Discounters.

Das Arbeitsleben beim Billig-Supermarkt ist geprägt von Angst: Die Vorgesetzten scheuchen ihre Angestellten unter Androhung von Kündigung durch die Filialen („Es gibt genug Arbeitslose.“), unbezahlte Überstunden sind an der Tagesordnung. Blaschke trieb es so weit, dass er eine Detektei-Überwachung zur Mitarbeiterkontrolle veranlasste. Am Vorabend seines Todes, so finden die Kommissare heraus, hat der von Misstrauen erfüllte Blaschke ein paar Kolleginnen ausfindig gemacht, die einen Betriebsrat gründen wollten.

Mordmotive hatten alle Supermarkt-Angestellte. Dieses macht die Ermittlungen schwierig. Irritierend für die Kommissare ist zugleich, dass mit dem neuen Gebietsleiter Novak (Jan Henrik Stahlberg) Blaschkes Nachfolger schon an dessen Todestag feststeht. Doch die polizeilichen Recherchen führen in der mittleren Ebene des Konzerns nicht weiter. Und ganz unten? Durch Zufall finden die Kommissare heraus, dass sich wenige Monate zuvor Gisela Dullenkopfs Sohn Jan umgebracht hat, der ebenfalls in dem von der ARD „Billy“ genannten Unternehmen arbeitete. Hat seine Mutter ein Motiv?

In dieser Geschichte stand der Zufall wieder einmal bei einem „Tatort“ des Südwestrundfunks mit einer Parallele zur Realität Pate. Während der Dreharbeiten wurden die Überwachungspraktiken des Discounters Lidl bekannt. „Das war wirklich verblüffend“, erinnert sich Regisseur Lars Montag. „Manche im Umfeld der Produktion waren vorher ein wenig skeptisch gewesen, ob es nicht etwas übertrieben sei, was wir in dem Film erzählen. Und dann gab's den großen Lidl- Skandal und alles erwies sich als schlimmer.“ Danach sei das Buch nachgearbeitet und der Aspekt Kameraüberwachung eingebaut worden.

Montag hat vor der Produktion mit Gebietsleitern einer deutschen Discounterkette gesprochen und nach eigenem Bekunden vom Druck gehört, den sie verspürten. Es komme oft zu Überreaktionen. Angestellte würden mit Obst beworfen. Grundsätzlich basiere die Filmhandlung auf realen Details, wenn auch in verdichteter Form. Bereits vor einem Jahr ließ der Odenthal-„Tatort“ mit dem Titel „Schatten der Angst“ aufhorchen, in dem es um den Mord an einem Türken in Ludwigshafen ging. Kurz vor der geplanten Ausstrahlung im Februar brannte in der Stadt ein Wohnhaus ab, in dem viele Türken starben. Der Krimi wurde dann im April gezeigt.

Die Gewerkschaften haben für den ARD-Krimi schon im Vorfeld Interesse angemeldet. ver.di lässt unter seinen Geschäftsstellen 30 DVDs verteilen - für eine öffentliche Vorführung. „Ein "Tatort" am Puls der Zeit, der hoffentlich ein breites Bewusstsein erreicht und vielen Betroffenen ein Forum bietet“, sagt Ulrich Dalibor, bei ver.di Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel. Auch für Dieter Ehrenschwender vom Berufsverband der Datenschutzbeauftragten ist der „Tatort“ ein wichtiger Beitrag: „Die aktuellen Gesetzesvorhaben blenden trotz öffentlicher Skandale den Datenschutz im Arbeitsverhältnis weitgehend aus“, sagt er. „Es gibt dringenden Handlungsbedarf im Bereich der Personaldaten.“

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