Stress schlägt auf die Psyche: Rasch reagieren

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Deutsche Presse-Agentur

Schlafstörungen, Nervenflattern oder Reizbarkeit nehmen Arbeitnehmer besser nicht auf die leichte Schulter. Sie können erste Anzeichen dafür sein, dass der Stress im Job auf die Psyche schlägt.

„Viele Betroffene nehmen solche Symptome am Anfang nicht ernst und schieben das auf etwas anderes“, warnt Prof. Wolfgang Gaebel von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. „Das geht oft nach dem Motto: 'Man steckt's eben weg.' Dadurch wird es aber nur schlimmer“, sagte Gaebel bei einer Konferenz in Berlin zu psychischen Problemen im Beruf.

Psychische Leiden sind nach Angaben von Krankenkassen immer häufiger der Grund dafür, dass Arbeitnehmer im Job fehlen. Das ergibt sich aus den im März vorgestellten Gesundheitsreports der DAK und der Barmer. Demnach ist der Anteil solcher Erkrankungen an den Fehlzeiten heute anderthalbmal so hoch wie vor fünf Jahren. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten leidet zudem unter typischen Symptomen von Stress, der sich zu psychischen Erkrankungen auswachsen kann: Das sind zum Beispiel Schlafstörungen (53 Prozent), depressive Verstimmungen (37 Prozent), Nervosität (36 Prozent) und Konzentrationsstörungen (32 Prozent).

Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise sei die Gefahr hoch, dass Arbeitnehmer sich überlasten und seelische Probleme nicht zugeben, sagte Gaebel. „In der jetzigen Situation erhöht sich natürlich der Druck.“ Betroffene fürchteten ihren Job zu verlieren, wenn sie nicht funktionieren. Dadurch gerieten sie aber leicht in einen Teufelskreis. Statt etwas gegen ihre Leiden zu unternehmen, schleppten sich viele weiter zur Arbeit, obwohl sie innerlich schon vor Arbeitsbeginn „fix und fertig“ seien. „Und das führt dann dazu, dass das System irgendwann zusammenbricht“, erklärte Gaebel.

Der erste Schritt aus diesem Teufelskreis heraus ist dabei laut Gaebel oft besonders schwer. Im Gegensatz zu anderen Büroleiden wie Rückenschmerzen seien seelische Leiden immer noch ein Tabuthema, über das niemand gerne offen redet. Betroffene müssten daher zunächst den Mut finden, das Schweigen zu brechen. Viele machten sich dabei nicht klar, wie groß die Zahl derjenigen ist, die schon einmal psychische Leiden hatten. Wer sich überwindet und darüber spricht, mache Gaebel zufolge daher oft die Entdeckung, dass auch Kollegen sagen: „Das Problem kenne ich.“

Eine mögliche erste Anlaufstelle sei auch der Betriebsarzt, riet Gaebel. Er könne dabei helfen, die Ursachen zu erkennen, wenn Beschäftigten der Job psychisch zu schaffen macht. Spielen dabei auch bestimmte Abläufe oder Strukturen am Arbeitsplatz eine Rolle, ist das Gaebel zufolge schon eine hilfreiche Erkenntnis. Gerade bei Depressionen hätten viele das Gefühl, in einer Tretmühle zu sein und nichts daran ändern zu können. Wenn sich aber herausstellt, dass die eigenen Probleme nicht nur hausgemacht, sondern auch den äußeren Umständen im Job geschuldet sind, sei das eine gute Nachricht - denn dann lasse sich gemeinsam mit dem Chef etwas daran ändern.

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN): www.dgppn.de

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