Stadtentwicklung: Innenstadt könnte Renaissance erleben

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Schwäbische Zeitung

Von unserer Redakteurin Ruth Auchter

Weil der Babyboom der 1960er Jahre längst vorbei ist und die Zuwanderung seit einigen Jahren nicht mehr genügend Leute ins Land spült, um die sinkende Geburtenrate auszugleichen, schrumpft die Zahl der Deutschen. Und mit ihnen die der Häfler: Trotzdem die Einwohnerzahl Baden-Württembergs im Zuge der nach der Wiedervereinigung einsetzenden Wanderung um 11,2 Prozent nach oben kletterte, gehört der Bodenseekreis nicht wie Biberach, Tuttlingen, Tübingen, Freiburg, Ludwigsburg und Böblingen zu den Landkreisen, die’s auf ein Geburtenplus bringen: Am See wurden 2008 gut 90 Menschen weniger geboren als 2007.

Trotzdem will die Stadt Friedrichshafen wachsen: Erklärtes Strategieziel ist, die Zahl der momentan 58 118 Einwohner bis 2015 konstant zu halten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich jedes Jahr im Schnitt 216 Menschen in der Zeppelinstadt niederlassen. Weil das nicht von allein passiert, tut die Stadt einiges, um Neubürger anzulocken.

Ihr Job ist es, das attraktive Ambiente um die zahlreichen Arbeitsplätze zu stricken, welche die Großindustrie bietet. Um insbesondere junge Familien zu überzeugen, weist die Stadt jedes Jahr im Schnitt drei Hektar Bauland aus – nächstes Jahr gibt’s beispielsweise in Fischbach 25 günstige Bauplätze speziell für junge Familien. Außerdem verwöhnt Friedrichshafen seine jungen Neubürger mit Zuschüssen zum Häuslebauen.

Dabei werden die Bauplätze mit den Jahren immer kleiner: Konnte sich in den 1970er Jahren ein Eigenheim noch auf 600 Quadratmetern breitmachen, müssen sich die Einfamilienhausbesitzer im Jahr 2020 mit 200 bis 250 Quadratmetern begnügen, schätzt Stadtplanungsamtsleiter Norbert Schültke. Die Fläche dürfte am Garten abgezwackt werden – denn die Deutschen brauchen immer mehr Platz zum Wohnen.

Mensa für Schüler und Senioren

Erstens steigt die Zahl der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte stetig an, zweitens wünscht der Durchschnittsmensch mit 43 Quadratmetern heute fast dreimal so viel Fläche wie vor 50 Jahren zu bewohnen. Die Fläche darf dann gern in der Innenstadt liegen: Wie Schültke prognostiziert, wird sich die Lust vor allem von Senioren aber auch Leuten zwischen 25 und 40 Jahren am (barrierefreien) Wohnen (am besten mit Rundum-sorglos-Service inklusive Hausmeister und Pflegedienst) mitten in der Stadt bis 2020 verstärken – schon jetzt trudeln Anfragen für Penthäuser mit Seeblick am Hinteren Hafen ein, die’s noch gar nicht gibt. Dass also bis in zwölf Jahren in der Häfler Innenstadt der Bär ganz ordentlich steppt, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich.

In der ganzen Stadt werden die Nachbarn überdies nicht mehr drumrum kommen, aufeinander zu achten sowie sich gegenseitig aufzufangen, blickt Ruth Schlaf von der IHK Bodensee-Oberschwaben voraus. Weil das öffentliche Sozialsystem künftig nicht mehr alles richten kann, werde bürgerschaftliches Engagement enorm an Bedeutung gewinnen – grade auch in den einzelnen Quartieren, wo man einander kennt. Die Ganztagsschulen werden sich wohl ebenfalls zum Lebensraum für ein gesamtes Quartier mausern müssen – inklusive Mensen, die 2020 Schüler und Senioren gleichermaßen nutzen dürften.

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