Stacheldraht, Spaziergänger und stiller Protest

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Deutsche Presse-Agentur

Hussein Nasser (60) ist schon vor Sonnenaufgang aufgestanden. Er will zu den ersten Wählern gehören, die an diesem warmen Wintertag ihre Stimmzettel in die Urne werfen.

Gut gekleidet und in bester Laune reiht sich der Rentner in die etwa zehn Meter lange Warteschlange vor der Mohammed-Bakir-al-Sadr-Schule ein. Dann ist er an der Reihe. „Ich habe den Direktor dieses Wahllokals gebeten, mir zu helfen, damit ich das Kreuz an der richtigen Stelle mache, weil ich nicht lesen und schreiben kann“, sagt Nasser, als er wenige Minuten später wieder hinaus ins Sonnenlicht tritt.

Nasser wohnt in einem der zentralen Viertel der irakischen Hauptstadt Bagdad. Hier hat sich vieles verändert in den vergangenen Jahren. Nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein durch die US- Armee 2003 wurde die Schule umbenannt. Sie trägt heute den Namen eines bedeutenden schiitischen Religionsgelehrten, der 1980 von Saddams Schergen exekutiert worden war. Jahrelang sah man hier auf der großen Palästina-Straße ständig die gepanzerten Fahrzeuge der Amerikaner auf und ab fahren. Autobomben explodierten. Betonsperren wurden aufgestellt und verschwanden wieder.

Jetzt liegt hier Stacheldraht. Wegen der immer noch nicht ganz gebannten Terrorgefahr dürfen hier am Wahltag nur Polizeiautos fahren. Die Wähler gehen so lange zu Fuß, bis der Regierungschef am Nachmittag das ursprünglich für den ganzen Tag ausgesprochene Fahrverbot aufhebt. Einige Wähler machen aus dem Gang zum Wahllokal einen Spaziergang mit der ganzen Familie. Kleinkinder laufen über die Straßen.

„Ich habe für die Liste von Al-Maliki gestimmt, weil er der stärkste Mann ist, er hat den Terror und das Töten zwischen Schiiten und Sunniten beendet“, erklärt der Regierungsbeamte Dschasim Mohammed. Er ist stolz darauf, dass an einem seiner Finger nun die aus China importierte lilafarbene Tinte zu sehen ist, mit der verhindert werden soll, dass ein irakischer Wähler mehr als einen Stimmzettel abgibt.

Abgesehen von ein paar Schüssen in Bagdad und einigen Mörsergranaten in Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit bleibt es an diesem Samstag ruhig. Auch die Stimmen derjenigen Wähler und Kandidaten, die schon vor Auszählung der Stimmzettel Wahlbetrug wittern, sind kaum zu hören. Nur der stille Protest der rund vier Millionen Exil-Iraker, die in den vergangenen acht Jahren vor Milizen- und El-Kaida-Terror geflohen sind, und die Politikverdrossenheit vieler Nicht-Wähler trüben das Bild vom „neuen demokratischen Irak“.

Da ihm keiner der Kandidaten wählbar erscheint, gibt einer der Wähler aus der Nachbarschaft des Rentners Nasser einen Stimmzettel ab, auf dem alle Namen durchgestrichen sind. Vor allem die Korruption, die im Irak in den vergangenen fünf Jahren selbst für arabische Maßstäbe gigantische Ausmaße angenommen hat, ist ein Grund dafür, dass sich die Menschen vom politischen Prozess abwenden. „Selbst wenn der Ölpreis auf das Dreifache steigen würde, es würde nicht ausreichen, um den irakischen Staatshaushalt auszugleichen, weil sich jeder Regierungsbeamte so viel in die Taschen stopft, wie er nur kann“, erklärt ein westlicher Diplomat.

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