Störung statt Klima-Blockade in Berlin

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Blockade in Berlin
Rot gekleidete Aktivisten von „Extinction Rebellion“ blockieren Zufahrten zum Großen Stern an der Siegessäule in Berlin. (Foto: Christophe Gateau/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Fabian Albrecht und Jordan Raza

Ist alles nur aufgeblasen, mehr Schein als Sein, wie von Protestforscher Dieter Rucht vorausgesagt? Die Aktivistengruppe Extinction Rebellion will Berlin und andere Großstädte weltweit lahmlegen.

Zumindest das, was am Montag in Berlin passiert ist, dürfte die meisten Hauptstädter nicht schockiert haben. Zwei Blockaden an zentralen Punkten wie dem Großen Stern mit der Siegessäule und dem Potsdamer Platz mit Verzögerungen für Autofahrer von bis zu 20 Minuten - die Berliner sind weiträumigere Straßensperrungen gewohnt, wenn auch zu anderen Anlässen.

Schon am frühen Morgen blockieren rund 1000 Aktivisten den großen Stern, am Mittag dann folgt der Potsdamer Platz mit etwa 2000 Demonstranten. Sie wollen auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Während es aber in London, Amsterdam, Wellington oder auch Sydney zu Festnahmen kommt, bleibt es in Berlin zumindest bis Nachmittag ruhig. Protestler und Polizisten betonen gleichermaßen, wie friedlich und beinahe freundschaftlich alles sei.

Am Nachmittag greift die Polizei dann langsam durch, bietet den Demonstranten an, ihren Protest nur noch auf zwei der fünf Zufahrten zum Großen Stern weiterführen zu können. Auch den Potsdamer Platz will sie wieder befahrbar machen. Protestler halten dagegen, ketten sich an einen Lkw, an eine mit Sand gefüllte Badewanne, blockieren die Straße. Die Polizei will Angekettete notfalls wegtragen.

Es ist auch ein Festival der Protestfolklore: Dreadlocks, gefärbte Haare, alternative Kleidung soweit das Auge reicht. Die zumeist jungen Menschen sitzen in Trommelkreisen beisammen und singen altbekannte Lieder. „Bella Ciao“, „Probiers mal mit Gemütlichkeit“, „Theo, spann den Wagen an“ - wer in den letzten 50 Jahren auf einer linken Demo war, kennt die Melodien, deren Texte die Aktivisten auf das Thema Klimaschutz umgedichtet haben. Ein ganzes Liederbuch haben sie geschrieben und verteilt, alle zentralen Gesänge und Parolen stehen darin.

Extinction Rebellion (kurz XR und auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt ursprünglich aus Großbritannien. Nach eigenen Angaben gibt es sie seit November 2018 auch hierzulande. Die Gruppe, die angibt, keine wirklichen Anführer zu haben und bei jeder Frage auf die dezentrale Struktur verweist, ist gut organisiert.

Binnen einer halben Stunde ist vor der Siegessäule eine Holzarche zusammengeschraubt, auf der die ehemalige Seenotretterin Carola Rackete die Klimapolitik der Bundesregierung kritisiert. In 20 Minuten ist ein Zirkuszelt auf dem Potsdamer Platz aufgebaut und in nicht mal fünf Minuten die sonst so verkehrsreiche Kreuzung vor dem Platz mit Sofas und Zimmerpflanzen in ein großes WG-Wohnzimmer verwandelt. Jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, was er zutun hat.

Auch die Kommunikation zeigt, wie professionell die Gruppe aufgestellt ist: Die Mobilisierung nach Außen geschieht über Whatsapp-Gruppen, in denen man sich auf der Homepage anmelden kann. Untereinander haben die Demonstranten Gruppen gebildet, die Delegierte in Plenen entsendet. Dort wird das weitere Vorgehen diskutiert und abgestimmt, bevor die Delegierten in ihre Gruppen zurückkehren und berichten.

Ebenfalls nicht selbstverständlich ist der Umgang mit der Polizei. Die Rebellen hatten gelobt, ihren zivilen Ungehorsam friedlich auszuleben. Und das gelingt, zumindest bis Montagnachmittag. Sie verteilen Flyer an die Polizei, auf denen sie geloben friedlich und respektvoll mit den Beamten umzugehen. Für die Kommunikation mit den Sicherheitskräften haben die Organisatoren sogenannte Deeskalateure eingeteilt.

Aus Sicht des Protestforschers Dieter Rucht handelt es sich in Deutschland bislang nur um eine relativ kleine Gruppe. „Extinction Rebellion ist ein Stück weit aufgeblasen, mehr Schein als Sein“, sagt er. Das zeige sich auch an „vollmundigen Ankündigungen“ zur Mitgliederzahl und Anzahl der nationalen Verbände. Zu den jüngsten Aktionen in Berlin sei stets nur eine kleine Gruppe gekommen. Dennoch habe es Extinction Rebellion damit stets in die Medien geschafft, was für eine gewisse Professionalität spreche.

Rucht vergleicht den Aufbau mit einem Franchise-System: So genügten wenige Klicks, um auf der Internetseite als Ortsgruppe in Gründung genannt zu werden. So erweckten die Aktivisten den Eindruck, dass die Bewegung mit vielen Ortsgruppen weltweit präsent sei. „Aber die Präsenz ist weitgehend eine Webpräsenz und keine physische Präsenz.“ Zumindest am Montag zeigten die Aktivisten, dass es sie auch offline und nicht nur online gibt.

Forderungen Extinction Rebellion

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