Spurensuche: Der Antebellum Trail in Georgia

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Deutsche Presse-Agentur

Seit dem US-Bürgerkrieg sind mehr als 140 Jahre vergangen. Dennoch ist der blutige Konflikt zwischen Unionstruppen und Konföderierten von 1861 bis 1865 im Bewusstsein vieler Amerikaner noch immer sehr präsent.

Dazu beigetragen haben der Romanklassiker „Vom Winde verweht“ und die „Reenactments“, bei denen Laiendarsteller mit viel Kanonendonner die wichtigsten Schlachten noch einmal schlagen. Ihren Beitrag dazu leisten aber auch Attraktionen wie der Antebellum Trail, eine 150 Kilometer lange Touristenroute im US-Südstaat Georgia. 2009 wird sie 25 Jahre alt.

Die Fensterscheiben der Heritage Hall in Madison haben eine Reihe kleiner Kratzer. Das wirkt störend, doch es erzählt auch eine kleine Geschichte: „Auf diese Art haben die Töchter des Hauses einst herauszufinden versucht, ob die Diamanten in ihren Verlobungsringen echt waren“, erzählt Betty Maxey, die in der 1811 gebauten Prunkvilla als Gästeführerin arbeitet. Wie die Kratzer beweisen, hatten die Herren Verlobten in den Jahren von 1830 bis 1870 Geld in der Tasche: „Nur echter Diamant schneidet Glas“, klärt Betty ihre Besucher auf.

Die Heritage Hall in Madison ist eines von vielen Schmuckstücken entlang des Antebellum Trails. Seit 1977 ist sie ein Museum, und im Wohnzimmer brauchen Besucher nicht viel Vorstellungskraft, um vor dem geistigen Auge die Honoratioren der Sklavenhaltergesellschaft an dem mit feinem Porzellan dekorierten Esstisch sitzen zu sehen. Auf dem Immobilienmarkt brächte die Heritage Hall umgerechnet 1,4 bis 2,1 Millionen Euro. „Es gibt hier auch alte Häuser, die das Doppelte kosten würden“, sagt Andy Williams von der örtlichen Handelskammer.

Madison liegt etwa in der Mitte des Antebellum Trails und bietet eine enorme Verdichtung von Bausubstanz aus der Zeit „vor dem Krieg“, wie sich das lateinische Wort Antebellum übersetzen lässt. Allein an der Main Street und der Academy Street reihen sich fast 40 Gebäude aus dem 19. Jahrhundert aneinander. Dass Madison so viel Architekturgeschichte auf so wenig Fläche bietet, hat der Ort dem Umstand zu verdanken, dass der Unions-General William T. Sherman ihn nicht wie andere niederbrennen ließ, als seine Soldaten 1864 auf dem Marsch von Atlanta zum Atlantik waren. Und dass alte Häuser einfach abgebrochen wurden, „hat es hier nicht gegeben“, versichert Williams.

Das ist weiter nördlich in Athens, einem der beiden Startpunkte des Antebellum Trails, nicht immer so gewesen. Auch hier gibt es noch mindestens zwei Dutzend Häuser aus der Zeit vor 1861. „Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war nur alles Neue gut. Das Alte wurde weggemacht“, erinnert sich die Stadtführerin Janet McNair-Clark. „In den 60er Jahren begannen die Leute dann zu bemerken, was sie da verlieren.“

Athens ist eine Universitätsstadt voller junger Leute. Am Abend sind Clubs und Kneipen voll, die Musikszene der Stadt hat R.E.M. und die B-52s hervorgebracht. Aber auch uralte Traditionen werden hier hochgehalten: Am Nordeingang zum Uni-Campus etwa steht ein Torbogen mit drei Säulen, die Weisheit, Freiheit und Mäßigung symbolisieren. „Nur wer schon graduiert ist, darf unter den Bogen durchlaufen“, erklärt Amy Clark vom Tourismusamt. „Alle anderen müssen drumherum.“

Als die ersten Studenten 1801 hier unterrichtet wurden, war der Stadtname Athens nach dem Zentrum der Philosophie in der griechischen Antike bewusst gewählt worden. „Der Nachbarort Watkinsville wollte schon seinen Namen ändern, um den Campus zu bekommen“, erzählt Stadtführerin McNair-Clark. „Doch die Gründer lehnten Watkinsville ab, weil es da eine Kneipe gab“ - wie sich die Zeiten geändert haben.

Zum historischen Erbe der Stadt gehört unter anderem eine doppelläufige Kanone aus Bürgerkriegszeiten, die vor der City Hall noch immer in Richtung Norden zeigt. „Nur zur Sicherheit“, heißt es scherzhaft in Athens - als könnte der Bürgerkrieg erneut aufflammen.

Zu den Häusern aus dem 19. Jahrhundert, die in Athens besichtigt werden können, gehört das T.R.R.-Cobb-House. Es hat eine im Wortsinne bewegte Geschichte hinter sich, denn es wurde 1985 komplett nach Atlanta versetzt und kehrte 2005 per Schwertransporter wieder zurück. Das ursprünglich 1834 gebaute Haus zeigt mit seiner Einrichtung den Zustand der Jahre 1852 bis 1862. In der Bibliothek zum Beispiel hängt eine in Deutschland gedruckte USA-Landkarte jener Zeit, auf der noch zwischen den „Unions“- und „Sklaven-Staaten“ unterschieden wird.

Neben Madison, Athens, Watkinsville und Macon präsentieren auch Eatonton, Old Clinton bei Gray und Georgias alte Hauptstadt Milledgeville am Antebellum Trail eine ganze Reihe von Attraktionen.

Auch Milledgeville ist dabei Universitätsstadt, unter anderem hat hier Georgias letztes Militärcollege seinen Sitz. Die Kadetten werden zum Teil im alten Kapitol unterrichtet, bis 1868 der Parlamentssitz des Staates. Eine Ausstellung zur Geschichte Georgias im Gebäude ist aber für jedermann zugänglich. Touren gibt es auch im „Old Government Mansion“. Auch hier wirkt noch vieles so, als sei der Bürgerkrieg nie ausgebrochen: vom Schlafgemach des Chef-Sklaven bis zum Kinderzimmer, wo die Puppen den Anschein erwecken, als seien sie gerade erst von den Töchtern des Gouverneurs aus der Hand gelegt worden. Kratzer in der Fensterscheibe sucht der Tourist hier aber vergeblich.

Informationen: Georgia Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld, Telefon: 0521/986 04 25, E-Mail: buero@georgia.org

Georgia Tourismus: www.georgiaonmymind.de

Der Antebellum Trail: www.antebellumtrail.org

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