„Soft Skill“: Potsdamer IT-Studenten lernen flirten

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Deutsche Presse-Agentur

Bits, Bytes, Software, Softskills, Flirts - wer IT für einen Außerirdischen hält, hat hier nichts verloren. Und wer glaubt, Flirt passt nicht in diese Wortreihe, liegt ebenfalls falsch.

Am Hasso Plattner Institut für Software-Systemtechnik in Potsdam findet man, dass dies hervorragend zusammenpasst: Alles ist Kommunikation und so lernen die Studenten hier neben dem Fachlichen auch etwas über „weiche Themen“, Softskills eben. Heute steht der Flirt auf dem Vorlesungsplan - und der Hörsaal ist überfüllt.

Die Studenten geben sich vorher cool. „Ich nehm' das nicht ernst“, sagt Martin skeptisch. „Und ich erwarte nicht viel.“ Der 25-Jährige hat sich eine Sendung mit dem heutigen Gastdozenten und Radiomoderator Phillip von Senftleben angehört. „Meine Freundin hat gesagt, bei ihr wär' der nicht gelandet.“ Auch Birte gibt sich zurückhaltend. „Ich wollte nur mal sehen, wie hier die Männer trainiert werden.“

Trotz aller Vorbehalte sind rund 300 Studenten im Hörsaal, wer keinen Platz mehr findet, sitzt auf Fensterbänken und Treppen. Sonst sind es hier nur 180, sagt Timm Krohn von der HPI-Geschäftsleitung mit einem amüsierten Lächeln. Flirten als Schnellkurs in 90 Minuten, das ist die Herausforderung für Senftleben, doch schnell hat er das Auditorium im Griff. Er duzt die Studenten und kommt mit einem Zitat von Alexander von Humboldt gleich zum Kern: „Der Mensch ist Mensch durch Worte.“

Ob flotter Spruch, SMS oder E-Mail es komme darauf an, die richtigen Worte zu finden. Warum spricht man seinen Traumpartner nicht an? Zu wenig Selbstvertrauen, zu wenig Mut! „Doch beides kann man beheben“, sagt Senftleben, vor allem, indem man den Flirt nicht allzu ernst nimmt. Schüchterne fangen klein an: Sie fragen wildfremde Menschen nach der Uhrzeit.

Stufe II: Sie versuchen einen Menschen, der sie interessiert, zum Lachen zu bringen. Wie? Ganz einfach: „Nach dem Prinzip: Irritation führt zu Reaktion.“ Wer einen Menschen nach 15.00 Uhr mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ begrüßt oder eine liebreizende Passantin mit den Worten „Wo will ich eigentlich hin?“ nach dem Weg fragt, wird in jedem Fall eine Reaktion und damit einen Ansatzpunkt für ein Gespräch bekommen.

Und Senftleben spricht von Empathie, fordert die angehenden Ingenieure auf, sich in den Gegenüber hineinzuversetzen. Er spielt Radio-Mitschnitte vor, in denen er Frauen in anderthalb Minuten ihre private Telefonnummer entlockt. „Das klappt in 85 Prozent aller Anrufe bislang rund 1200“, sagt er mit dem Stolz.

Am HPI des SAP-Mitgründers Hasso Plattner lernen rund 440 Studenten. „Rund 20 Prozent der Master-Ausbildung besteht aus Softskills“, sagt HPI-Sprecher Hans-Joachim Allgeier. Dazu gehören Themen wie Business-Etikette, Namenstraining oder Zeitmanagement.

Und die Studenten lauschen mehr als aufmerksam. Viele machen eifrig mit, wenn der Flirt-Experte sie auffordert, eine charmante SMS zu formulieren oder das Wort Kompliment zu definieren („Eine Aufmerksamkeit, eine Wahrheit“). Es geht um die unwiderstehliche Wirkung einer sonoren Männerstimme auf Frauen, um Initiative und die Frage: Wie mache ich mich „merkwürdig“? Nur bei der Übung mit dem intensiven Augenkontakt bleibt die Blickrichtung mancher männlicher Studenten seltsam ziellos.

Nach 90 Minuten wirken die meisten Studenten beschwingt. Selbst der skeptische Martin sagt anerkennend: „Kurzweilig und lustig.“ Auch Birte lobt Senftlebens ironische Art und gesteht: „Ich glaube, ich würde ihm auch meine Telefonnummer geben.“ Kommilitone Markus („Derzeit keine Freundin, leider.“) will das Gelernte demnächst mal ausprobieren. Das dürfte auf dem Campus schwierig werden: Nur jeder zehnte Student am HPI ist eine Frau.

Hasso-Plattner-Institut: www.hpi-web.de

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