So rockte Herbert Grönemeyer in Stuttgart

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 Herbert Grönemeyer bei seinem Konzert in Stuttgart im Fokus der Smartphones.
Herbert Grönemeyer bei seinem Konzert in Stuttgart im Fokus der Smartphones. (Foto: jürgen meyer)
Veronika Renkenberger

„Was macht der Mann denn bloß mit seinen Händen?“ Auch 2019 gibt es offenbar noch Menschen, die zum allerersten Mal ein Grönemeyer-Konzert besuchen – die müssen sich an das drollige Gefuchtel und Getrippel von Bühnenderwisch Herbert erst gewöhnen. Die restlichen 12 500 Fans am Samstag in der Stuttgarter Schleyerhalle zeigten mehr Routine. Sie steigerten sich textsicher hinein in die gröni-typischen, alle Fischerchöre toppenden Sing-Ekstasen.

Dieses überschwappende Wir-Gefühl von Anfang an ist das eigentliche Phänomen von Grönemeyer-Konzerten, seit Jahrzehnten. Und unverändert: Auch diesmal herrschte kollektive Glückseligkeit. Der Glücksgastgeber wird 63, außerdem nochmal Vater, hat mit „Tumult“ sein 15. Album vorgelegt und bereist derzeit die großen Hallen. Am Samstag verließ er die Stuttgarter Bühne nach zweidreiviertel Stunden und drei Zugabeblöcken. Standing Ovations.

Um es gleich klarzustellen: Nein, er singt objektiv betrachtet immer noch nicht besser. Er artikuliert auch nicht verständlicher. Für seine hampelige Motorik gibt es nach wie vor keine adäquate Beschreibung. Sein Publikum feiert das. Marketing-Experten würden wohl von einer gelungenen Markenbildung sprechen.

Grönemeyer lässt es nicht ausklingen. Andere Musiker im Vorrentenalter basteln am eigenen Denkmal oder an der Altersvorsorge. Grönemeyer will aufrütteln, Akteur bleiben. „Tumult“ gilt als Manifest gegen den Rechtsruck der Gesellschaft. „Bist du da, wenn zu viel Gestern droht? Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen?“ fragt er. Und betont im Chor: „Kein Millimeter nach rechts!“

Liebeslieder schreibt er natürlich auch noch, mit Herz und Tiefe. Das eine oder andere Solo am Klavier sorgte im Konzert für Gänsehaut. Und wer Herz gibt, kriegt Herz. Kaum sang Grönemeyer kurz nach acht die erste Zeile und stakste zwei Hoppelschritte, schon wurde geliebt wie wild. Würde Liebe leuchten, die Halle wäre taghell gewesen.

Er mixte Neues und Altes mit Bedacht. Nach „Sekundenglück“ und einem Paket mit knackig politischem Stoff war Hymnenzeit. „Bochum, ich komm aus dir“ ist und bleibt eine der schönsten Kollektivlügen des Pop-Business. Und als Nachschlag gleich ein Klassiker-Medley: „Männer“, „Was soll das“, „Vollmond“, dezent aufgemotzt, mit Druck und Tempo.

Die mitgealterten Herren der Band sind weitgehend dieselben, die bereits in den 1980ern von Plattenhüllen grinsten. Sie ließen sich ebenso wenig lumpen wie ihr Chef, der wie eh und je zwischen Laufsteg und Seitenbühnen hin und her wuselte, als wolle er jedem Fan einzeln fürs Kommen danken.

Allzu viel Show und Gedöns brauchte es da gar nicht mehr. Wobei: Es gab auffällig schönes Licht, für jeden Song neu gedacht. Plus schlichte, ästhetische Inszenierungen auf den Videowänden hinter der Band. Der Sound war so gut, wie die Schleyerhalle es eben zulässt.

Aber nun zurück zur Frage. Was der Mann da vorn mit seinen Händen macht, ist doch völlig eindeutig: überschüssige Energie abführen. Das funktioniert wie eine Art umgekehrter Blitzableiter. Aus dem Herbert raus – und schwupps, rein ins Publikum. Den ganzen Abend fuchtelte und dirigierte er, den ganzen Abend floss und strömte es. Der Duracell-Hase verblasst. Es wird Zeit, in der Physik nicht nur James Watt und James Prescott Joule zu huldigen, sondern auch eine Ehren-Energieeinheit namens Grönemeyer einzuführen. Kurz: ein Ö.

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