Simulieren für Studenten: Übung am lebenden Objekt

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Schwäbische Zeitung

Frankfurt/Main (dpa) ­ Knut Anton trägt einen Verband um die linke Hand und redet wie ein Wasserfall. Besonders auf seinen Hund Wotan kommt er immer wieder zu sprechen, und die junge Frau im blauen Kittel, die Anton gegenüber sitzt, kommt kaum zu Wort.

Irgendwann fragt sie ihn aber doch nach dem Verband, und der Mann erklärt: „Ach ja, da hat mich der Wotan gebissen, aber er hat das bestimmt nicht böse gemeint.“ Das will die Frau nun genauer wissen, sie fragt nach, Herr Anton antwortet ­ und nach exakt fünf Minuten ist das Prüfungsgespräch rund um den Hundebiss beendet.

Was außenstehende Beobachter nicht ahnen können: Knut Anton heißt eigentlich Walter Jauernich, ist Schauspieler und Autor und einer von rund 160 Simulationspatienten, die seit Ende 2006 den Medizinstudierenden der Frankfurter Goethe-Universität alle nur denkbaren Krankheiten vorgaukeln. Vom Herzleiden bis zur Durchfallerkrankung ist alles dabei.

Im Rahmen einer Prüfung erproben die Studierenden, sozusagen am lebenden Objekt, das Arzt-Patienten-Gespräch, die sogenannte Anamnese. Im Verlauf dieses Gesprächs sollen die zukünftigen Mediziner möglichst alle relevanten Fragen stellen und gleichzeitig den richtigen Umgang mit Patienten trainieren. „Die Simulationen, die ab dem vierten Semester durchgeführt werden, sind deshalb so wichtig, weil die Studierenden sich dabei in einem geschützten Raum ausprobieren können. Hier stört es nicht, wenn komische Fragen gestellt werden“, erklärt Assistenzärztin Wilma Flaig, die gemeinsam mit Sandy Kujumdshiev das Simulationspatientenzentrum leitet.

Der Fachbereich Medizin finanziert das Lehrprojekt, dessen Idee es ist, mit Hilfe von gespielten und dennoch realistischen Situationen zwischen Arzt und Patient auf den Beruf vorzubereiten. „Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist essenziell für eine erfolgreiche Behandlung. Die Studierenden können bei uns ihre kommunikativen Fähigkeiten trainieren“, erklären die Organisatorinnen des Projekts.

„Dafür ist es wichtig, dass unsere Simulationspatienten Typen von der Straße sind, die authentisch wirken. Sie müssen außerdem zuverlässig und psychisch stabil sein, sich artikulieren können und benötigen keine schauspielerischen Vorkenntnisse im herkömmlichen Sinne“, sagt Simulationspatiententrainer Uwe Zinßer. Er ist zuständig für die Auswahl und Koordination der Simulanteneinsätze. In Einzelgesprächen erarbeitet er die jeweilige Rolle und trainiert sie mit den Pseudopatienten. Das Krankheitsbild wird von den Dozenten vorgegeben.

Und Uwe Zinßer ist begeistert von seinen Simulationspatienten, die nicht nur in Prüfungssituationen, sondern auch in Übungsstunden vor größeren Studierendengruppen zum Einsatz kommen. „Je nach Simulant geht da in den Kursen richtig die Post ab“, sagt Zinßer. Manche Situationen seien so authentisch, dass sie von den angehenden Medizinern als echt abgespeichert würden: „Manchmal fragen die Studierenden den 'Patienten' später auf dem Flur, ob es ihm denn inzwischen etwas bessergehe. Bei manchen Übungen gebe der Simulationspatient zusätzlich eine Rückmeldung zum geführten Gespräch, was „für die Studierenden sehr hilfreich ist“.

Ist die Simulationssituation für viele der Studierenden mit Nervosität verbunden, so bedeutet sie für die Simulationspatienten jede Menge Spaß und eine gute Schauspielübung. Simulant Jauernich sagt: „Man muss, obwohl man zwischendurch auch immer ein wenig improvisiert, dem Charakter, den man im Vorgespräch entwickelt hat, treubleiben.“ Es dürfe überdies nicht darum gehen, die Prüflinge schwindelig zu spielen oder gar zu verunsichern. Dessen ist sich auch die Rentnerin Ingrid Stein bewusst, wenn sie in einem Klinikbett liegt und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenkrümmt. Starke Bauchschmerzen quälen sie, erklärt sie Silke Skoruppa. Die Studierende im neunten Semester nimmt die Hand der „Patientin“ und fragt genauer nach. Nach der Simulation sagt Skoruppa: „Man lernt bei diesen Übungen, auch unter Stress zu funktionieren.“

Das noch junge Programm, das von den Studierenden sehr geschätzt wird, soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. „Es gibt im Grunde keine Krankheit, die man nicht simulieren könnte“, sagt Leiterin Wilma Flaig. So werden etwa in Kanada in Facharztprüfungen bereits psychische Erkrankungen simuliert, und auch das Gespräch mit Angehörigen eines verstorbenen Patienten soll an der Goethe-Universität bald trainiert werden ­ und das natürlich immer mit Hilfe von Simulationspatienten.

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