Simson-Rennen: „Leider verschalten – aber die Freude überwiegt!“

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Die Sieger des Flutlichtrennens unter sich: von links Jens Laurentsen (Nostalgie), Evelin Gruber und Fritz Sonntag (Seitenwagen) (Foto: Susi Weber)
Schwäbische Zeitung
Redaktionssekretariat

Einmal im Jahr steht die Welt Kopf in der 100-Seelen-Gemeinde Rappertsweiler. Seit 18 Jahren ist das kleine Weiler bei Tettnang am Vorabend und am Tag der Deutschen Einheit der Nabel der Simson-Welt, der einstigen DDR-Mopeds, die längst Kultstatus erlangt haben. Ein kleiner, 16 Mitglieder starker Verein, richtet dann das größte Simsonrennen aus, das es gibt. „Nirgendwo hin sonst kommen so viele Zuschauer wie hier“, erklärt Thomas Günthör. Rund 2000 an zwei Tagen sind es in diesem Jahr. Und Günthör weiß die Dimensionen einzuschätzen. Schließlich ist der 34-jährige Familienvater nicht nur selbst auf einem der Kult-Geräte unterwegs und Akteur bei verschiedenen Rennen, sondern auch Mitorganisator des größten Rennens in dieser Motorsportkategorie.

Zeltaufbau, Moped ausladen, sich um das eigene Rennprogramm kümmern – all das gehört zum Ablauf des ersten Renntages. Unterbrochen wird es von Fragen anderer ankommender Fahrer, vom Kümmern um veranstaltungstechnische Dinge oder die Belange des in der Jugendklasse startenden Sohnes und vom Interview für Regio TV 3. Umrahmt wird das Heimrennen von „ein bissle Nervorsität“: „Essen kann ich nichts. Aber auch das gehört dazu.“ Ums „Moped“ kümmert sich das Team: Helmut Birkle, Rainer Seitz und Robert Schmid schrauben, tanken, bereiten vor. Zwei Stunden später, bei der Fahrerbesprechung, ist auch bei Thomas Günthör „der Puls wieder unten“. In Kürze geht er los, jener „Riesenspaß, bei dem das Adrenalin jedes Mal aufs Neue auf Hochtouren kommt.“ Drei Rennen hat der ehemalige Bahnsportler und Bruder der Gespannfahrerin Corina Günthör in diesem Jahr bestritten. Zu Hause ist der Sprung aufs Podest so etwas wie persönlich auferlegte Pflicht. DJ Atze sorgt für den musikalischen Rahmen, Pit Rohrseitz mit seinem Co-Moderator Manne Brugger für den verbalen Schlagabtausch. Irgendwo zwischen 60 und 75 Jahre alt sei Fips Dauderer, verkündet Rohrseitz bei der Fahrerpräsentation mit einer Mischung aus Information und Heiterkeit, die zwingend zur Simson-Szene gehört. Auch Dauderer ist ein so typisches und nicht alltägliches Simson-Unikat und ausgestattet mit Material für die Solo- und die Seitenwagenklasse, das in dieser Form sonst eben keiner hat.

Für Thomas Günthör nimmt der Abend, die Night of Champions für die Klassen Supercup, Seitenwagen und Nostalgie, einen zunächst guten Verlauf: Mit drei Laufsiegen und einem dritten Platz zieht er trotz nicht ganz einfacher, weil vom Regen des Vortages noch durchnässter Bahn als punktbester Fahrer ins Finale der Solisten ein. Für die Ausfälle der Konkurrenz hat Günthör eine Erklärung: „Die Motoren sind von drei auf bis zu 25 PS hochgezüchtet. Je mehr Leistung du da rausholst, umso höher ist das Risiko.“

Ausgerechnet im Finale bekommt Günthör diese Anfälligkeit selbst zu spüren – und rollt vor Rennende aus. Markus Vollmer holt sich bei den Solisten, Fritz Sonntag mit Beifahrerin Evelin Gruber in der Seitenwagenklasse den Cup. „Da habe ich jahrelang drauf hingearbeitet“, freut sich Sonntag über den Sieg beim Flutlichtrennen. Thomas Günthör sieht den Ausgang des alles entscheidenden Endlaufs und den nicht erreichten Sieg gelassen: „Klar bin ich enttäuscht, aber ich werte für mich auch positiv, dass ich da vorne dabei gewesen bin.“

Auf „vorne“ ist die Nummer zwölf des Rappertsweilerner Simsonrennens auch am Mittwoch programmiert. Selbst nach dem spektakulären Sturz von Seitenwagenpilot Joachim Laur, der Landung des Rettungshubschrauber und weit vor der Meldung, dass Laur mit einer Gehirnerschütterung glimpflich davon gekommen ist, lässt sich Günthör nicht aus der Ruhe bringen: „Natürlich bin ich betroffen. Aber man muss solche Situationen für sich selbst dann auch beiseiteschieben.“ Mit drei Laufsiegen und einem zweiten Platz gelingt der Finaleinzug noch eine Spur deutlicher als am Abend davor. Und zunächst deutet alles darauf hin, dass der Gesamtsieg in der Supercup-Klasse greifbar und möglich ist. In der dritten Runde ziehen Manuel Jocham und Fabian Runkel am führenden Günthör vorbei. Irgendwie kämpft er sich wieder zurück auf Rang zwei. „Verschalten – aber die Freude überwiegt“, gibt Thomas Günthör später auf die Frage „Was war los?“ zur Antwort. Als punktbester Fahrer des Tages kann er immerhin die Robert-Gührer-Gedächtnislauf-Trophäe mit nach Hause nehmen.

Im Fahrerlager brechen Hermine Heuball alias Wolfgang Ullmann, die Rennhenne Rosi, der 72-jährige Seitenwagensieger Hermann Hein und alle anderen nach der Siegerehrung wieder ihre Zelte ab. Für Günthör ist dagegen noch lange nicht Feierabend: „Bis zum Wochenende sind wir mit dem Bahnabbau beschäftigt.“ Im kleinen Weiler kehrt danach wieder Ruhe ein. Bis zum nächsten Jahr. Bis zum 20. Simsonrennen Rappertsweiler.

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