Seniorenbegleiter schenken älteren Menschen Zeit

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Deutsche Presse-Agentur

Ältere Menschen, die weder in einem Wohnheim leben noch Angehörige haben, sind oft sehr einsam. Im hessischen Darmstadt verschaffen ihnen seit einigen Jahren Seniorenbegleiter Abwechslung - vom Austausch profitieren beide Seiten.

Wenn Sigrid Aschenbach die 82-jährige Christa Fechner in ihrer Wohnung besucht, haben sich die beiden immer viel zu erzählen. Gemeinsam sitzen sie dann auf der Couch der gehbehinderten Dame und tauschen bei einer Tasse Tee ihre Erlebnisse aus. Sigrid Aschenbach ist eine von 36 ehrenamtlichen Seniorenbegleiterinnen, die seit 2005 von der Stadt Darmstadt und vom Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg ausgebildet wurden, um alten alleinstehenden Menschen etwas Zeit zu schenken.

„Wir haben das Projekt 2003 ins Leben gerufen, um eine Lücke bei der Versorgung von älteren Menschen in Privathaushalten zu schließen“, sagt Rosemarie Bachmann vom Diakonischen Werk. Alleinstehende Senioren, die nicht in einem Altenwohnheim leben und keine Angehörigen haben, seien oft sehr einsam. Mitarbeiter mobiler Pflegedienste hätten vor lauter Termindruck keine Zeit, auf sie einzugehen. Die Seniorenbegleiter hingegen sollten dazu beitragen, den Alltag der alten Menschen ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten.

Vor dem ersten Besuch muss jeder Seniorenbegleiter einen zehnwöchigen Lehrgang absolvieren: „Dort erfahren die Ehrenamtlichen beispielsweise etwas über rechtliche Hintergründe, Alterskrankheiten, soziale Umstände der Senioren, absolvieren einen Erste-Hilfe-Kurs und werden intensiv auf ihre Rolle vorbereitet“, erklärt Rosemarie Bachmann. Die Aufgaben müssten vorher genau definiert werden, da manche Senioren anspruchsvoll sein könnten und einen Seniorenbegleiter als Pflege- oder Putzkraft betrachteten - was die Ehrenamtlichen nicht sein wollen.

Bislang haben sich nur Frauen für diese Tätigkeit ausbilden lassen, viele von ihnen sind dazu noch berufstätig. Wie oft sie ihre alten Leute besuchen, entscheiden sie selbst; die Vermittlung übernimmt das Beratungs- und Service-Zentrum für ältere Menschen in Darmstadt. In den vergangenen Jahren seien zwischen den älteren Menschen und ihren Begleitern richtige Freundschaften entstanden, sagt Rosemarie Bachmann. „Die einen feiern zusammen Geburtstage, für die anderen kann die ältere Dame schon mal Oma-Ersatz sein.“

Ein Seniorenbegleiter sollte laut Rosemarie Bachmann vor allem Humor, Offenheit und Geduld mitbringen. „Manche Senioren sind so lange alleine gewesen, dass sie depressiv sind und einige Zeit brauchen, um sich an einen neuen Menschen zu gewöhnen.“ Bei Sigrid Aschenbach und Christa Fechner jedenfalls stimmte die Chemie von Anfang an und die Astrologie auch: „Wir sind beide vom Sternzeichen Jungfrau und haben auch noch am selben Tag Geburtstag“, sagt Christa Fechner und lacht. Für die 82-Jährige, die nach einem Hirninfarkt nur noch mit Hilfe die Wohnung verlassen kann, sind die regelmäßigen Besuche und die häufigen Telefonate mit Sigrid Aschenbach ein wichtiger Kontakt zur Außenwelt.

Die 54-jährige Galeristin ist seit drei Jahren Seniorenbegleiterin und arbeitet seit sechs Jahren ehrenamtlich bei einem Seniorentreff. „Frau Fechner hat viel Lebenserfahrungen und gibt mir oft lehrreiche Tipps“, erzählt sie. Auch die Geschichten aus der Vergangenheit der ehemaligen Konstrukteurin seien stets spannend. Die Frauen lachten viel zusammen und merkten oft gar nicht, wie die Zeit vergeht, sagt Sigrid Aschenbach. „Das stimmt“, bestätigt Christa Fechner, „die Besuche sind immer viel zu kurz“.

Im März beginnt der nächste Kurs für Seniorenbegleiter. Einige Plätze sind noch frei. In Zukunft solle das Projekt weiter ausgebaut werden, sagt Rosemarie Bachmann. „Wir möchten in Darmstadt ein Netzwerk aus Seniorenbegleitern ausbauen, das andere Einrichtungen, wie beispielsweise Altenheime, unterstützt.“

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