Seitz: „Mich trifft es schon zum dritten Mal!“

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reutlingens Trainer Roland Seitz
reutlingens Trainer Roland Seitz
Schwäbische Zeitung

REUTLINGEN - Am Dienstag tritt der SC Pfullendorf ab 19 Uhr beim SSV Reutlingen im Stadion an der Kreuzeiche antreten. Nach den drei schweren Spielen gegen die Spitzenmannschaften aus Kassel, Aalen und Nürnberg wartet auf den SCP damit also mal wieder eine Aufgabe gegen eine Mannschaft aus dem hinteren Tabellendrittel. Bis auf Piero Saccone (Knie), Nico Schneck (Muskelentzündung) und Keeper Sebastian Willibald (Kahnbeinbruch) sind alle Pfullendorf fit, auch Stürmer Georges Ekounda, der am Gründonnerstag bei der faden „Nullnummer“ gegen Nürnberg von Trainer Walter Schneck mit leichten Problemen an den lädierten Adduktoren sicherheitshalber ausgewechselt worden war.Das Spiel wird das vorerst letzte Match um Punkte zwischen Reutlingen und dem SCP sein, denn der SSV hat am 23. März bekanntlich vorläufige Insolvenz beim Amtsgericht Tübingen angemeldet und daher beim DFB keine Lizenz für die nächste Spielzeit beantragt. Damit werden die Reutlinger am Saisonende mit null Punkten auf den letzten Platz gesetzt und sind somit erster Absteiger in die Oberliga Baden-Württemberg. Das sportliche Ziel von SSV-Trainer Roland Seitz (45) lautet dennoch, zum Rundenende einen Nichtabstiegsplatz zu schaffen. SZ-Mitarbeiter Dirk Meier unterhielt sich mit Seitz über die aktuelle Situation in Reutlingen.

SZ: Herr Seitz, wie haben Sie persönlich das „Urteil“ Zwangsabstieg verkraftet?

Roland Seitz: Das hat mich hart getroffen, weil ich damit nicht gerechnet habe. Aber vielleicht ist das für den Verein sogar die beste Lösung, denn die gut vier Millionen Euro an Verbindlichkeiten hätte der Klub doch weiter mittragen müssen. So ein Antrag auf vorläufige Insolvenz ist auch immer eine Chance für einen Neuanfang, wenngleich es für die Betroffenen natürlich ein schwerer Schlag war.

SZ: Für Sie persönlich ist das ja nicht das erste Mal, dass Sie mit so einer Situation konfrontiert werden...

Seitz: Ja, das stimmt. Mich trifft es sogar schon zum dritten Mal. Im Jahr 2000 war ich in der Bayernliga Trainer bei der SpVgg Jahn Forchheim. Wir wurden Achter, aber der Verein hat seine Mannschaft wegen hoher Verbindlichkeiten aus der Bayernliga zurückgezogen und in der Kreisklasse weitergespielt. Mit dem 1. SC Feucht ging es 2005 bergab. Ich hatte dort sportlich zwei erfolgreiche Jahre in der Regionalliga, aber da kam auch ein Insolvenzantrag und der Verein stieg ab, obwohl wir einen Nichtabstiegsplatz geschafft hatten. Die Feuchter spielen heute nur noch in der siebten Liga. Nun kam die Sache mit Reutlingen. Das ist schon hart für mich, denn ab dem 30. Juni bin ich damit arbeitslos.

SZ: Haben Sie schon Kontakte zu anderen Klubs aufgenommen?

Seitz: Es ist alles noch relativ frisch. Ich bin sicher nach allen Seiten offen, werde mich jetzt umschauen und bin für jeden Tipp dankbar.

SZ: Heute kommt nun der SC Pfullendorf, bei dem Sie ja auch schon zweimal als Trainer im Gespräch waren. Wie beurteilen Sie den SCP?

Seitz: Der SC Pfullendorf ist ein äußerst seriös geführter Verein, der keine Risiken eingeht. Der SCP hat in der Branche einen guten Namen, weil er über viele Jahre hinweg sportlich ein hohes Niveau gehalten hat, obwohl die finanzielle Ausstattung im Vergleich zu vielen anderen nicht ausreicht, um ganz vorne dabei zu sein. Der SC Pfullendorf ist eine gute Adresse für Spieler und auch für Trainer.

SZ: Wie lief das denn nochmal genau mit Ihnen SCP-Manager Hans-Hermann Krane?

Seitz: Beim ersten Mal sollte ich zum Gespräch kommen, doch dann hat der SCP doch nochmal mit Marco Kurz verlängert. Beim zweiten Mal war ich auf dem Weg zu Eintracht Trier, um dort Trainer zu werden. Als mich der Anruf von Herrn Krane erreichte, musste ich ihm deshalb absagen. Somit steht es jetzt 1:1.

SZ: Die wirtschaftliche und die sportliche Attraktivität der Regionalliga Süd schätzen die Verantwortlichen der Regionalligisten durchweg negativ ein. Sie auch?

Seitz: Ja, denn die Regionalliga Süd in dieser derzeitigen Form ist uninteressant und nur schwer zu finanzieren. Die Liga hat zu viele zweite Mannschaften. Zudem sind die Auflagen des DFB und die damit verbundenen Kosten zu hoch. Die Regionalliga Süd hat so aus meiner Sicht keine Zukunft. Sportlich kommt hinzu, dass es durch die vielen zweiten Mannschaften eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung gibt. Denn die Regeln für diese U23-Teams sind nicht einheitlich. Diese Nachwuchs-Mannschaften treten immer wieder mit sehr unterschiedlichen Aufstellungen an. Ist Länderspielpause oder spielt man während der Woche, laufen ganz andere Teams auf, als wenn die Profis zeitgleich spielen. Das ist nicht gerecht.

SZ: Sind die zweiten Mannschaften also das „Hauptübel“?

Seitz: Nicht allein. Es gibt auch zu wenige zugkräftige Namen in dieser Spielklasse. Reutlingen ist ab Sommer nicht mehr dabei, Darmstadt könnte absteigen. Dann sind da nur noch Ulm und Kassel oder Pfullendorf drin. Mit dem FSV Frankfurt II aus Hessen, der TSG Hoffenheim II aus Baden-Württemberg und dem FC Memmingen aus Bayern werden zwei weitere zweite Mannschaft und ein Namelnloser dazu kommen. Wichtig wäre, wenn dem Vizemeister eine Aufstiegschance über eine Relegation wie in den Profiligen eingeräumt würde. Das würde diese Liga aufwerten.

SZ: Nach dem Antrag auf vorläufige Insolvenz konnte Ihr Team gegen Eintracht Frankfurt II mit 2:0 und gegen Darmstadt mit 2:1 gewinnen. Auswärts gab es ein 0:3 bei Karlsruhe II und am Karsamstag eine 1:3-Niederlage in Bamberg. Unter den gegebenen Umständen ist das dennoch keine schlechte Bilanz.

Seitz: Als das mit dem Insolvenzantrag bekannt wurde, da hatten wir noch 15 Spiele zu absolvieren. Das ist sehr viel und da ist es schwer die Spieler zu motivieren. In Bamberg hat die Mannschaft leider nicht die Einstellung gefunden, die man braucht, um ein Spiel zu gewinnen. Zu Hause vor den eigenen Zuschauern ist das einfacher, aber auswärts werden solche Spiele vor allem gegen Ende der Saison häufiger kommen. Ich spreche da aus Erfahrung. Letztlich war die Niederlage in Bamberg die Quittung für die Situation in unserem Verein. Denn die Spieler werden bald neue Verträge bei anderen Klubs haben und sind dann mit dem Kopf nicht mehr so richtig dabei. Das ist eine ganz schwierige Situation.

SZ: Wie sieht es vor der Partie gegen den SC Pfullendorf personell aus beim SSV?

Seitz: In Bamberg ist nichts passiert. Anton Makarenko fehlt schon länger mit einem Muskelfaserriss und Alexander Blessin hat Probleme mit der Achillessehne. Beide Stürmer müssen passen.“

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