Schaf: „Den Traum vom Einzelstart spare ich mir für nächstes Jahr“

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Alex Schaf hat die WM vor der Brust und die Olympischen Spiele in London als Ziel vor Augen.
Alex Schaf hat die WM vor der Brust und die Olympischen Spiele in London als Ziel vor Augen. (Foto: Ralf Görlitz)
Schwäbische Zeitung

Der für den VfB Stuttgart startende Krauchenwieser Alex Schaf (24) startet am Sonntag (12 Uhr deutscher Zeit, live im ZDF) bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu mit der deutschen Staffel im Vorlauf über 4x100 Meter. Ziel ist das Finale am frühen Nachmittag (14 Uhr deutscher Zeit, live im ZDF). Schaf sprang beim Qualifikationswettkampf in Mannheim vor wenigen Wochen in letzter Minute auf den WM-Zug auf (die SZ berichtete), erfüllte in 10,20 Sekunden die B-Norm und lief damit deutsche Jahresbestzeit. Die A-Norm von 10,18 Sekunden, die zu einem Start im Einzelrennen berechtigt hätte, verfehlte Schaf nur um zwei Hundertstelsekunden. SZ-Regionalsportredakteur Marc Dittmann unterhielt sich mit Alex Schaf.

SZ: Nach einer tolle Hallensaison im Winter haben Sie im Freien das WM-Ticket für Daegu gelöst. Wie fällt Ihr Fazit des Jahres bis dato aus? Im Frühjahr, vor der deutschen Meisterschaft, waren sie schon einmal Erster der deutschen Bestenliste, hatten aber das Ticket noch nicht in der Tasche.

Alex Schaf: Das Jahr verläuft echt super, angefangen mit einer neuen Bestzeit von 6,72 Sekunden in der Halle. Ich wurde für den Länderkampf in Glasgow nominiert, habe bei den Deutschen Meisterschaften einen tollen vierten Platz belegt, bin dort ebenfalls eine neue Bestzeit, 6,70 Sekunden, gelaufen und war damit die Nummer vier in der Hallen-Bestenliste. Ich hatte dann einen tollen Start in die Freiluftsaison, bin gleich in 10,33 Sekunden Bestzeit gelaufen und wurde für die Staffel bei der Team-Europameisterschaft nominiert. Danach habe ich Bronze bei den Deutschen gewonnen, meine erste Medaille überhaupt. Ich war zwar Erster der deutschen Bestenliste, wurde aber nicht nominiert, da es natürlich erfahrenere Staffelläufer gibt als mich. Und es ist sehr schwer, da reinzukommen. Doch dann folgte ein toller Lauf in Mannheim in 10,20 Sekunden, nach dem bin ich endgültig für die Weltmeisterschaften nominiert worden.

SZ: Wie erklären Sie sich die Leistungssteigerung seit dem Wechsel zum VfB Stuttgart bzw. nach Kirchheim? Oder würden Sie das eher als kontinuierliche Entwicklung sehen? Stimmt es, dass Sie eigentlich bis zu Ihrem Wechsel nie wirklich systematisch trainiert, nie Kaderlehrgänge besucht haben?

Schaf: Mit dem Wechsel nach Stuttgart habe ich auch einen neuen Top-Trainer, der über reichlich Wissen verfügt und mich schnell von sich überzeugt hat. Allein in den Trainingslagern habe ich gespürt, wie mein Körper das Training aufgenommen hat und es sich toll angefühlt hat. Davor habe ich wirklich einfach nur irgendwas trainiert, besonders bei den Starts und der Beschleunigung war das echt schwer, da keiner geschaut hat wie ich starte. Einladungen zu Kaderlehrgängen habe ich seit der B-Jugend bekommen. Aber ich bin nie hingefahren, weil es mir zu weit weg war.

SZ: Wie profitieren Sie von der Zusammenarbeit mit Ihrem Trainer Micky Corucle und was können Sie sich von den anderen, erfahreneren Sprintern wie Tobias Unger abschauen?

Schaf: Micky ist einfach spitze, er ist nicht nur ein Top-Trainer, sondern auch noch „Mädchen für alles“. Egal, was ich wissen oder tun will, ich kann mich auf ihn verlassen. Egal, ob es um die Wohnung geht oder darum, einen neuen Job zu suchen. Er kümmert sich wirklich um alles. Das Training mit Tobias (Unger, d. Red.) und Marius (Broening, d. Red.) ist natürlich um einiges heftiger, als wenn man alleine trainiert. Man pusht sich gegenseitig und das Training ist härter und Intensiver. Ich schaue von den beiden eine Menge ab, und sie erklären mir vieles, was ich nicht verstehe.

SZ: Sie arbeiten ja auch noch voll. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut: Arbeit, Training...

Schaf: Ich habe bis Ende März noch voll gearbeitet, in einem Fitnessstudio in Friedrichshafen. Da das Studio zwischen 6 und 24 Uhr geöffnet ist und wir nur zu fünft waren, war es immer schwierig, das mit dem Training in Einklang zu bringen. In krassen Fällen musste ich von 15 bis 24 Uhr arbeiten und um 5 Uhr morgens wieder aufstehen. Ebenso habe ich an Feiertagen und am Wochenende gearbeitet.

SZ: Bleibt da überhaupt noch Zeit für den Privatmenschen Alex Schaf?

Schaf: Wirklich viel Zeit hatte ich nicht, immer wenn Freunde etwas machen wollte, hieß mein Satz: Ich muss arbeiten.

SZ: Welche Ziele haben Sie sich für Daegu gesetzt? Was ist drin aus Ihrer Sicht? An welcher Position werden Sie in Korea laufen?

Schaf: Bei der WM geben wir unser Bestes und versuchen ins Finale zu laufen. Ich starte als Schlussläufer.

SZ: Leider haben Sie die A-Norm und damit die Qualifikation für die Einzelkonkurrenz knapp verpasst. Wie sehr ärgert Sie das? Schließlich ist seit sechs Jahren kein Deutscher mehr so schnell gelaufen. Oder überwiegt die Freude über das Ticket?

Schaf: Den Traum vom Einzelstart spare ich mir für das nächste Jahr. Aber ich freue mich, dass ich dabei bin und schon so viel in diesem Jahr erreicht habe.

SZ: Wie sieht Ihr Zeitplan nach Daegu aus? Das Ziel sind sicher die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in London?

Schaf: Nach Daegu ist mein Zeitplan vollgestopft. Da stehen noch ein paar Meetings an. Und meine Wiedereinstellung bei der Bundeswehr. London ist nächstes Jahr auf jeden Fall das Ziel. Ich bin sehr optimistisch für das nächste Jahr.

SZ: Was ist aus Ihrer Sicht noch zeitentechnisch drin? Leichtathhletik.de schreibt, Ihr Ziel sei der deutsche Rekord. Der Rekord steht derzeit bei 10,06 Sekunden, gelaufen vom damaligen DDR-Sprinter Frank Emmelmann in Berlin und stammt vom 22. September 1985. Er ist also über ein Vierteljahrhundert alt. Wie sehen Sie die Chancen?

Schaf: Ich denke, da ich früher nie wirklich viel trainiert habe und gute genetische Voraussetzungen habe, ist es durchaus machbar. Natürlich ist es das Ziel eines jeden 100-Meter-Sprinters und es haben sich schon viele die Finger daran verbrannt. Jedoch ist es nicht unmöglich und mit professionellem Training und Aufbau ist es machbar.

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