Schöbel: „So ein Buch hat gefehlt“

Lesedauer: 5 Min
Prof. Gunter Schöbel hat allen Grund zur Freude: Noch liegen die Druckfahnen da, doch er hält die druckfrische Ortschronik von U
Prof. Gunter Schöbel hat allen Grund zur Freude: Noch liegen die Druckfahnen da, doch er hält die druckfrische Ortschronik von Uhldingen-Mühlhofen in der Hand. (Foto: Christel Voith)
Helmut Voith

Es gibt Bücher, die gehören einfach nicht ins Regal, sondern an einen gemütlichen Platz, an dem man immer wieder vorbeikommt, das Buch in die Hand nimmt, ein wenig darin blättert und sich festliest. So ein Buch ist die neue Ortschronik von Uhldingen-Mühlhofen, die am Sonntag, 9. Dezember in Unteruhldingen vorgestellt wird.

Unteruhldingen – klar, da denkt man sofort an das Pfahlbaumuseum, einen der Hauptanziehungspunkte am Bodensee, der weit über Deutschland hinaus bekannt ist. Dessen Direktor, Professor Gunter Schöbel, ist auch Herausgeber der Chronik. Eine Chronik, ein Heimatbuch über einen Ort zu schreiben, der seit rund 10 000 Jahren von Menschen besiedelt ist, ist nicht leicht. Wie fasst man so viel Zeit in einem Band zusammen? Von den ersten Überlegungen bis zur Fertigstellung des Projekts ist ein Vierteljahrhundert verstrichen, doch was ist das gegenüber den 10 000 Jahren?

Der geistige Kopf, der unermüdliche Drahtzieher im Hintergrund war Museumsdirektor Gunter Schöbel. Warum kümmert sich ein Vorgeschichtler, ein Archäologe, um die Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht und hochproblematische Zeiten wie die des Dritten Reichs nicht ausspart? Schöbel ist Wissenschaftler, bodenständig, geerdet, wie man heute gerne sagt. Und der 1922 gegründete Verein, der das Pfahlbaumuseum trägt, ist ein „Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde“, steht also auf zwei Beinen, so wie das Museum zwei Gesichter habe und im Winter mehr das Regionale in den Vordergrund stelle. Für die lange geplante Ortschronik hat Schöbel einen Arbeitskreis gebildet und die richtigen Fachleute zusammengebracht. Großen Anteil hatte auch Uwe Jabs, Gymnasiallehrer für Geschichte und zweiter Vorsitzender des Vereins. Die Arbeit lief neben der Museumsarbeit, auch in vielen Nächten und an Wochenenden, wie Schöbel bekennt.

Eine Konzeption wurde erarbeitet und im Team durchdiskutiert. Interessante Ideen fanden ihren Niederschlag. So sind konkrete Ereignisse in den Ortsteilen auf sandfarben unterlegten Seiten eingebunden in die große Geschichte des Raumes, die auf weißen Seiten chronologisch dargestellt ist. Da liest man Erzählungen, Erinnerungen älterer Mitbürger, erfährt beispielsweise, wie die Nazis es verstanden, die Kinder für sich zu gewinnen und damit oft auch die Eltern. Die Dinge beim Namen zu nennen und andererseits niemanden bloßzustellen und doch der Sache auf den Grund zu gehen, das erfordert Fingerspitzengefühl. Schwieriger vielleicht noch war es, die richtige Länge zu finden, die richtige Balance zwischen Wissenschaftlichkeit und Lesbarkeit – denn gern lesen sollte es jeder - jeder Bürger und jeder Gast.

Ein Fachmann will sich in seinem Lieblingsgebiet ausbreiten, doch er muss seine Arbeit als Teil eines großen Ganzen verstehen. Auch das ist in der Ortschronik bestens gelungen, soweit man das als Außenstehender sagen kann.

Das Buch gefällt in verschiedener Hinsicht: Inhalt, Aufmachung, Bebilderung, Gestaltung. Man fängt am besten irgendwo an – ob in der Ur- und Frühgeschichte oder bei den Vereinen von Uhldingen-Mühlhofen – und liest ein andermal weiter. Man wird viel Neues erfahren, über den Ort, in dem man seit langem lebt oder in den man gern als Urlauber zurückkehrt, über die verschiedenen Ortsteile, die doch erst 1972 zur Gemeinde zusammengeschlossen wurden. So ein Buch mag den Ort noch mehr zusammenschweißen, die Identität stärken. Manchmal stimmt es fast ein wenig traurig, wenn man liest, dass man sich früher viel öfter getroffen hat, dass die Einsamkeit zugenommen hat. Das Buch erzählt vom Wandel der Zeit und zeigt, dass wir mitten drin stehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen