Sam Cohen tritt mit Neo-Psychedelia aus dem Schatten

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Sam Cohen
Mit Sam Cohen kann man auf Zeitreise gehen. (Foto: Kenneth Bachor / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Werner Herpell

Mit einer zehnsekündigen Krach-Sequenz beginnt ein Album, das sich danach schnell zu einer lupenreinen Psychedelic-Pop-Wohltat auswächst. Man merkt, dass Sam Cohen ein angesagter Indierock-Produzent ist, der mit gewiefter Knöpchendreherei im Studio aus Songs das Beste rausholen kann.

Das hatte er zuletzt etwa bei den Werken von Kevin Morby bewiesen - dessen Meisterwerk „Singing Saw“ (2016) und zuletzt in diesem Jahr der Gospel-Folk-Volltreffer „Oh My God“ leben von Cohens kundiger Produktionsregie. Als Solokünstler ist er dagegen - nach einigen Jahren in Bands wie Apollo Sunshine und Yellowbirds - seit dem Debüt „Cool It“ (2015) noch unter dem Radar geblieben.

Noch. Denn besagte zweite Soloplatte mit dem etwas sperrigen Titel „The Future's Still Ringing In My Ears“ (30th Century Records/AWAL) ist nun mehr als nur ein Geheimtipp für Fans jener melodischen, leicht verpeilten Retro-Sounds, die derzeit im US-Folkrock en vogue sind: beispielsweise Morby, Cass McCombs, The War On Drugs, The Flaming Lips, Kurt Vile oder Steve Gunn.

Schon der gut fünfminütige Opener „I Can't Lose“ - also das Lied mit dem Drillbohrer-Effekt am Anfang - entwickelt auf leicht verkiffte Art große Sogwirkung. Cohen bietet von wattigen Drums über sanft ploppende Bässe, Cembalo und Mellotron bis hin zur amtlichen George-Harrison-Gitarre alles auf, um den Hörer in ein träumerisches Sixties-Feeling zu versetzen.

Schöne Harmonien liefert das von Top-Produzent Danger Mouse mitbetreute Album auch danach zuhauf. „Something's Got A Hold On Me“ oder „Deafening Silence“ etwa könnte direkt in den Flower-Power-Tagen der 60er entstanden sein, so authentisch nach bunt schillernder Folkpop-Vergangenheit klingt der Song. Die nasale Stimme Cohens - den trägen Vocals von Morby recht ähnlich - verstärkt zusätzlich das Gefühl einer friedvollen Zeitreise.

Obwohl sie ein Studio-Mosaik ist, klingt die Platte ausgesprochen üppig, teilweise geradezu orchestral (etwa in „Let The Sun Come Through“) und mit weiblichen Background-Vocals gar soulig („Spinning Love“). Die Pianoballade „The Future“ setzt freilich einen pessimistischen Schlusspunkt: Amerika sei „a land, that overflows with fear“ - der Sänger hofft, dass das Land in seiner miesen Stimmung nicht alles kaputtmacht.

Sam Cohen kann mit diesem sehr schönen Neo-Psychedelia-Album in der ersten US-Folkrock-Liga also locker mithalten. Wer sich davon demnächst bei Konzerten überzeugen will: Am 15. Juni spielt der Gitarrist, Singer-Songwriter und Produzent als Support von Kevin Morby in Berlin (Festsaal Kreuzberg), am 16. Juni in Mannheim (Maifeld Derby Festival) und am 22. Juni in Hamburg (Knust).

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