Richard Widmer ist der Ultraman

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Am Ziel: Richard Widmer (Foto: Verein)
Schwäbische Zeitung
Sportredakteur

Richard Widmer aus Zwiefalten hat in Neulengbach bei Wien die Weltmeisterschaft im Ultratriathlon gewonnen. Ultratriathlon -- alleine die Zahlen sind beeindruckend. Denn die Teilnehmer absolvieren die doppelte Ironmandistanz: 7,6 Kilometer Schwimmen, 360 Kilometer auf dem Rad, rund 85 Kilometer Laufen. Renndauer: fast einen ganzen Tag. Der Zwiefaltener Richard Widmer, der in Tübingen studiert, benötigte rund 20 Stunden.

Im Ziel betrug Widmers Vorsprung knapp 23 Minuten. Im Sport eigentlich eine halbe Ewigkeit, hochgerechnet auf die Renndauer von 20:44:09 Stunden, Widmers Siegerzeit, nicht mehr gar so viel. Nur, um zu verdeutlichen: Die Teilnehmer schwammen 152 Bahnen à 50 Meter im Freibad, radelten 37 Mal eine 9,75 Kilometer lange Radstrecke um 360 Kilometer hinter sich zu bringen und liefen 127 Mal über den 670 Meter langen Laufrundkurs. Abwechslungsreich ist anders: „Ein großer Teil der Veranstaltung konzentrierte sich im Schwimmbadareal. Die Teilnehmer und ihre Betreuer campten, der Laufrundundkurs führte mitten durch ein großes dort aufgestelltes Festzelt und auch auf der Radrunde fuhr man ebenfalls jede Runde kurz durchs Zelt“, erinnert sich Widmer an die „Rahmenbedingungen.“

Der 30-Jährige, der im vergangenen Jahr gute Erfahrungen auf der Ultradistanz gesammelt hatte, sagt: „Ich habe mich für dieses Jahr wieder bei zwei Triathlons über die doppelte Langdistanz angemeldet.“ Widmer lief im Taining Strecken von bis zu 40 Kilometern, radelte von Basel an seinen Studienort Tübingen. „Da mein altes Fahrrad noch mit einer Achtfach-Schaltung ausgestattet ist, die sich nicht mehr sauber einstellen lässt, habe ich eine Woche vor dem Wettkampf über E-Bay ein Zeitfahrrad gekauft, am Mittwoch abgeholt und zusammen mit meinem anderen Fahrrad ins Auto geladen.“

Am Tag vor dem Wettkampf reiste Widmer mit seiner Freundin nach Neulengbach bei Wien, nach einer die einer Willkommensparty, inklusive Vorstellung der Teilnehmer durch die Veranstalter, fand am Renntag selbst zunächst eine Wettkampfbesprechung inklusive Frühstück statt, um fünf vor elf am Morgen ging es ins Wasser. Doch Widmer hatte seine Bahn nicht alleine, vier andere Teilnehmer schwammen ebenfalls auf derselben Bahn: „Mit ihnen musste ich mich absprechen, wer vorausschwimmt. Werner Steiner war ähnlich schnell wie ich, wir schwammen fast die ganze Strecke gemeinsam." An einem Ende der Bahn zählte ein Kampfrichter die Bahnen, an der anderen Stirnseite gab Widmers Freundin einen Zwischestnd über die geschwommenen Runden. Kurz nach eins stieg Widmer als Fünfter aus dem Wasser, ließ sich mit Sonnenschutz eincremen, wechselte parallel die Kleidung und schwang sich auf sein neues Fahrrad. „Toll fand ich immer wieder das Laufgeräusch der Carbonlaufräder. Die Felgen hören sich ganz anders an, als meine bisherigen.“

Auf der Radstrecke herrschte auf einer Seite Gegen-, auf der anderen Rückenwind. Diese Phase nutzte er zur Erholung, um zu trinken oder zu essen. „Nach zwei, drei Runden merkte ich meine Oberschenkel und hatte das Gefühl, dass der Sattel ein wenig zu tief eingestellt war.“ Eigentlich wollte Widmer die Sattelhöhe verändern lassen, als er jedoch vernahm, dass er auf Platz drei lag, hielt er durch. Widmer überholte den Zweitplatzierten. „Nun wollte ich doch nicht anhalten. An die Satteleinstellung habe ich mich gewöhnt.“

Dennoch merkte Widmer Ermüdungserscheinungen in den Oberschenkeln, drosselte das Tempo und nutzte den Rückenwind, um die Waden zu dehnen, oder die Fußsohlen zu entlasten. Langsam arbeitete sich Widmer einen Vorsprung auf den Drittplatzierten heraus, verlor ihn aber wieder und musste den Konkurrenten schließlich vorbeilassen. „Es hätte mich mehr interessiert, wer auf der ersten Position lag und wie weit der Rückstand war…“, kommentierte Widmer. Nach siebeneinhalb Stunden hatte Widmer die Hälfte der Radstrecke absolviert. Das schürte die Hoffnung, nach 13 Stunden auf die Laufstrecke wechseln zu können. „Mehr hatte ich nie erwartet. Da passte es mir nicht, dass mein Team nur meine Platzierung im Auge hatte. Er rief seinem Team zu. „Immer mit der Ruhe“. „Das wurde mir anscheinend übel genommen. Sonst funktionierte unser Teamwork“, erzählt Widmer mit einem Augenzwinkern über sein Team.

Widmer radelte nun konstant Rundenzeiten von 18 Minuten, überholte schließlich den vor ihm radelnden Konkurrenten. „Irgendwann erfuhr ich vom Moderator, dass ich in Führung lag.“ Die Führung wechselte nun ständig, alles lief auf ein Duell mit Steiner hinaus, doch Widmer konzentrierte sich auf die Laufstrecke. Noch ein Faktor machte Widmer zu schaffen. Radrunde um Radrunde sank die Temperatur. Um zehn Uhr abends hatte es nur noch 15 Grad, kurz vor Mitternacht passierte Widmer zum letzten Mal den Wendepunkt. Da hatte es nur noch zwölf Grad. Für Wärme sorgte eine heiße Suppe, die ihm das Team gereicht hatte.

Widmer wechselte als Erster auf die Laufstrecke, ließ sich aber auch von Problemen beim Schuhwechsel nicht abhalten. Auf der Laufstrecke wurde es wieder wärmer, Widmer baute seinen Vorsprung auf Steiner aus, bis sich seine Rundenzeiten bei ungefähr dreieinhalb Minuten (670 Meter) einpendelten. Die Temperatur sank auf neun Grad. „Zum Laufen ideal. Der Vorteil war, dass ich mich mit anderen unterhalten konnte. Ich wechselte Worte mit meiner Freundin, oder unterhielt mich bei Begegnungen mit dem direkten Konkurrenten Werner Steiner. Zwar bekam Widmer Probleme mit den Fußsohlen, unangenehm vor allem in den Kurven, doch er legte kurze Pausen ein und baute seinen Vorsprung auf bis zu fünf Runden aus. Dabei halfen uch zwischenzeitliche Schuhwechsel. Trotzdem wurden Widmer und seine Muskulatur allmählich müde.

Widmer pausierte nach 82 Rundene, aß, dehnte sich, , da mittlerweile die Betreuer schliefen, reichte nur ab und zu seine Freundin ein Getränk. „Da Werner Steiner ebenfalls nie anhielt, versuchte ich ebenfalls lange ohne Pausen zu laufen bis zur 113. Runde, ehe die Knie wieder schmerzten. Auf den letzten 13 Runden wurden die Zeiten wieder schneller. „Ich zählte mit meiner Freundin im Chor, jedes Mal wenn ich an ihr vorbei lief, die Runden herunter. Schon dies gab neue Kraft.“

Auf der letzten Runde wurde Widmer von den Organisatoren erwartet, er erhielt eine Deutschlandflagge, die letzte Runde musste er gegen den Uhrzeigersinn laufen. „Alle, die mir entgegenkamen, hielten ihre Hand hin und klatschten mich ab, gratulierten mir. Einerseits freute ich mich, auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl nicht so richtig Anerkennung und Ermutigung zurückgeben zu können."

Schließlich durchlief Widmer ds Ziel war im Festzelt. Widmer wurde feierlich begrüßt, fotografiert und ein erstes Mal interviewt. Nach dem Dopingtest ging es unter die Dusche - leider nur lauwarm. "Daher lief ich eigentlich den Rest des Tages trotz Sonnenscheins im warmen Pullover herum. „Der komplette Wettkampf war gekennzeichnet durch eine unvergleichliche Atmosphäre absoluter Sportlichkeit im Sinne von Fairness, gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Anerkennung.“

Ergebnis:

1. Richard Widmer (Deutschland) 20:44:09.00 Stunden

2. Werner Steiner (Österreich) 21:07:16.90

3. Kamil Suran (Tschechien) 23:10:35.60

4. Thomas Kaserbacher (Österreich) 23:22:07.10

5. Markus Maier (Österreich) 24:00:58.60

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