Rezepte gegen Liebeskummer

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Vincent Klink hat im Refektorium gelesen.
Vincent Klink hat im Refektorium gelesen. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Mal etwas ganz anderes im Rahmen des Allgäuer Literaturfestivals, das in Isny zu Gast war: Statt Lesung aus anspruchsvoller Literatur, die das Hirn herausfordert, gab’s lesen und vor allem plaudern über das, was den Bauch streichelt und der Seele wohltut: „Meine Rezepte gegen Liebeskummer“ verabreichte das Büro für Kultur im Refektorium des Schlosses. Dort, wo im Mittelalter die Benediktiner speisten, für den geschmackvollen Raum war das Thema also schon mal nicht fremd.

Vor zwei Jahren hat sich Isny dem Literaturfestival angeschlossen. Und der Speisesaal der Mönche, die feine Kulturstube Isnys, war die angemessene Bühne für den Sternekoch Vincent Klink, den Feinschmecker aus den Sendungen „ARD-Buffet“ und „Kochkunst“ seit Jahren kennen.

Was Seele und Bauch wohltut, dafür scheint Kling ein universeller Meister zu sein. Auch über die heilenden Kräfte guter Musik kann er sich auslassen. Und sein geschmeidiger, schwäbischer Dialekt Stuttgarter-Schwäbisch Gmünder Prägung liegt auf derselben kulturellen Ebene.

Klink erinnerte eingangs an seinen Isnyer Brieffreund, Schriftsteller und Buchautor, Günter Herburger, der kürzlich in Berlin verstarb. Der habe „immer Hunger gehabt, der arme Kerl“. Und damit war Klink beim Thema: „Wenn man Hunger hat, schmeckt alles – Kochen für Leute, die keinen Hunger haben, da wird’s schwierig, es braucht den Koch und vor allem jahrzehntelange Erfahrung.“ Wenn er etwa Gästen in seinem Michelin-Sterne-Restaurant auf der Stuttgarter Wilhelmshöhe Kutteln serviere und sie nach dem Rezept fragten, könne er nur antworten: „Die Kutteln mach’ ich nun seit 40 Jahren, und erst seit zwei Jahren kann man sie essen.“

„Man hat’s essen können“ sei sowieso die höchste Lobpreisung eines gelungenen Gerichtes, und wenn der Gesättigte mit dem hinkelsteinschweren Spruch nachsetze „und es isch au drinne bliebe“, dann sei die Auszeichnung nicht zu toppen. Allerdings: „Wer behauptet, dass Baden-Württemberg Gourmet-Land ist, der hat nun wirklich keine Ahnung“, dem fehle ein Praktikum in Italien und in Frankreich. Dort lerne man zumindest die schnelle Küche. Wenn noch das frische Ausgangsmaterial dazukomme, sei guter Geschmack garantiert, der nach mehr verlange. „Der Geschmack ist ein flüchtig Ding“, das erfordere eine flinke Hand in der Küche, betonte Klink.

Um ehrlich zu sein, gesteht der Sternekoch, sei es letztendlich auch nicht der teure Luxus auf dem Teller, der Liebeskummer stillt, auch nicht den Ehekrach befriedet, sondern die Sattheit des Bauches. Wenn Mediziner beklagen, dass jeder vierte Deutsche übergewichtig sei und sie mit dramatischen Appellen auf die Folgekrankheiten hinweisen, dann antwortet Klink zweierlei: „Die Gourmet-Küche ist das Besondere, nicht das Alltägliche“. Und er meint damit vor allem nicht die Masse.

Über die Kunst, Reisbreis zu kochen als den ersten Garanten, um Liebeskummer zu stillen, kann Klink ausgedehnt plaudern. Auch über schwäbischen Kartoffelsalat, da sei nämlich nicht die Sorte entscheidend, sondern der Boden, auf dem die Knolle gewachsen ist. Die Kartoffelrädle dürften eben nicht wie Dachziegel aufgereiht auf dem Teller liegen. Es müsse eher ein Brei sein, der in gutem Öl schwimmt. „Und die Zwiebel, die Wunderwaffe des Geschmacks – wird erst in den Brei hinein gerieben, kurz ehe der Salat auf den Tisch kommt.“

„Zeit heilt Wunden, aber das will kein Mensch hören, der an Liebeskummer leidet“, heißt es in Klinks Büchlein. „Mein Geheimrezept: Immer wenn ich traurig bin, dann koche ich mir etwas Gutes – und schlage mir den Bauch damit voll. Gutes Essen schafft Glücksmomente. Ich kann vom Glück der schmackhaften Nahrungsaufnahme nicht genug kriegen.“ Das ausverkaufte Refektorium goutierte den literarischen Gaumentratzer.

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