Report: Wut auf GM - Opelaner kämpfen ums Überleben

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Deutsche Presse-Agentur

Der Himmel ist finster an diesem Donnerstag über Rüsselsheim - ähnlich düster wie die Zukunft des Autobauers Opel. Vor gut 15 000 besorgten Beschäftigten warnt IG-Metall-Chef Berthold Huber:

„Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, die Uhr hat bereits zwölf geschlagen.“ Die Mitarbeiter wissen um die gefährliche Schieflage, in die sie durch die drohende Insolvenz der ungeliebten US-Mutter General Motors (GM) geraten sind. Und sie sind wütend auf das Wild-West-Management im fernen Detroit, das sie jetzt ihren Job kosten könnte. Einen Tag, bevor das Management dem Aufsichtsrat seinen Rettungsplan für Opel und Vauxhall präsentieren will, gehen deshalb 25 000 der 60 000 Mitarbeiter von GM Europe bei einem europaweiten Aktionstag an 14 Standorten auf die Straße. Allein am Stammsitz Rüsselsheim haben sich nach Gewerkschaftsangaben 15 000 Menschen versammelt.

Und während sich die Geschäftsführung mit Zukunftsvisionen noch vornehm zurückhält, sagt der „heimliche Manager“ von GM Europa, Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz, wohin die Fahrt gehen muss: In die Eigenständigkeit. Die Mutter GM soll nach 80 Jahren engster familiärer Bindung nur noch eine kleinere Beteiligung an Opel halten und etwa in Sachen Technologie mit der nun erwachsenen Tochter kooperieren. „Es gibt nur eine einzige Chance, die heißt Ausgliederung“, ruft Franz den Ingenieuren, Arbeitern und Verwaltungsmitarbeitern zu - und erntet tobenden Beifall. Andernfalls bestehe die große Gefahr, dass das Auto mit dem Blitz frontal gegen die Wand gefahren wird.

Eines wird schnell klar: Die Mitarbeiter in Rüsselsheim wollen nicht länger für Fehler die Zeche bezahlen müssen, die nach ihrer Meinung in Detroit verbockt wurden. Huber wirft den Managern Profitgier und Verantwortungslosigkeit vor - und ein vollständiges Fehlen langfristiger Perspektiven für Unternehmen und Arbeitsplätze: „Sie haben weltweit Überkapazitäten aufgebaut - ohne Rücksicht auf Verluste. Und sie haben zum Teil Automodelle mit dem Luftwiderstandswert eines Scheunentors und dem Leergewicht eines Mini-Panzers produziert.“ Bei hohen Spritpreisen und wachsender Arbeitslosigkeit seien diese Modelle „so gefragt wie Tiefkühltruhen am Nordpol“.

Keine Frage: Der Plan des Betriebsrats kommt an, alle europäischen Standorte unter dem Dach eines neuen Unternehmens Opel/Vauxhall zusammenzuschließen - bei Gewerkschaft und Mitarbeitern. Er hat aber gleich mehrere Haken: Er muss zum Beispiel von GM akzeptiert und danach finanziert werden. Franz und Huber sind sich längst einig, wer mit für die Kosten aufkommen muss: Der Staat.

Das könnte teuer für den Steuerzahler werden: Opel benötigt nach Informationen aus Berlin für eine eigenständige Zukunft ohne GM langfristig acht bis neun Milliarden Euro. Dieser Kapitalbedarf wurde nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa von GM- und Opel- Managern in den Verhandlungen mit Bund und Ländern über mögliche Staatshilfen genannt. Für Opel-Chef Hans Demant ist dieser Betrag jedoch „völlig aus der Luft gegriffen“. Die Zahl sei ihm völlig unbekannt und absurd hoch. Vom Bund wünscht das Unternehmen bisher Kredite oder Bürgschaften von rund 3,3 Milliarden Euro. Konkrete Zahlen könnten mit dem für diesen Freitag erwarteten Sanierungskonzept vorliegen.

„Wir machen mit 700 deutschen Zulieferern über 5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. An Opel und Vauxhall in Europa hängen 400 000 Beschäftigte“, sagt der Betriebsratschef. Die dürfe man nicht einfach aufs Spiel setzen. Allein bei Opel sind in Deutschland mehr als 25 000 Mitarbeiter direkt beschäftigt. Andere Autohersteller oder sonstige private Interessenten sind derzeit jedenfalls nicht in Sicht - angesichts der weltweiten Krise in der Automobilindustrie wird vermutlich so schnell auch keiner auftauchen. Deshalb ist Opel vorerst auf Gelder aus Deutschland und anderen Ländern mit Opel- Standorten angewiesen.

Seine Unterstützung sagt am Donnerstag auch Vizekanzler Frank- Walter Steinmeier (SPD) zu, ohne allerdings verbindlich zu werden. Er werde alles tun, was in seiner Macht steht, verspricht er den Mitarbeitern: „Ich kämpfe wirklich ohne jeden Vorbehalt.“ Zuvor sei aber das Management gefordert, ein Konzept auf den Tisch zu legen: „Wer den Beistand der öffentlichen Hand einfordert, der hat zunächst einmal eine Bringschuld.“ Steinmeier bezeichnete die Automobilbranche als das Zugpferd, das die deutsche Wirtschaft aus der Krise ziehen könne. Deshalb dürfe kein Hersteller untergehen: „Seien wir doch nicht naiv. Was jetzt in Deutschland wegbrechen würde, das kommt nicht wieder. Wenn wir jetzt industrielle Kompetenz preisgeben, dann würden wir ein industriell entkerntes Land hinterlassen.“ Das gelte es zu vermeiden. Wie das geschehen soll, sagte er nicht.

[Adam Opel Haus]: Friedrich-Lutzmann-Ring 1, Rüsselsheim

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