Report: Washington im Obama-Taumel

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Deutsche Presse-Agentur

Für Barack Obama begann der große Tag in der Kirche. Es ist kurz vor neun Uhr, als er die St. John's Episcopal Church betritt, das frisch renovierte Gotteshaus einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt.

47 Jahre alt ist der Mann mit der dunklen Hautfarbe, der auf der Kirchenbank Platz nimmt. In ein paar Stunden soll er das mächtigste Amt übernehmen, das die Welt derzeit zu vergeben hat. Niemand weiß, was Barack Obama in dieser Stunde durch den Kopf geht. Was denkt jemand, der Präsident der Vereinigten Staaten wird?

Während Obama die letzte Stunde der Ruhe erlebt, kämpft sich das Heer der Normalsterblichen zu den Örtlichkeiten der historischen Ereignisse vor. Lange vor dem Morgengrauen strömen die Menschen aus allen Himmelsrichtungen zum Kapitol und der National Mall. Es ist kurz vor fünf Uhr an der Metro-Station Tenleytown, einem der besseren Wohnviertel Washingtons: Zwar beginnt die Vereidigung nicht vor Mittag - doch die U-Bahnen sind schon jetzt rappelvoll. „Yes we can“, rufen die Hineindrängen an jeder weiteren Station. Etwa die Hälfte der Passagiere sind Afro-Amerikaner. In der Bahn blitzen die Fotoapparate ohne Ende. „Vollste Metro in der US-Geschichte“, ruft ein Witzbold. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

In der Innenstadt sind die Cafés schon vor sechs Uhr überfüllt. Es ist bitterkalt an diesem Morgen. Ein Segen, dass in Amerika der Kaffee in Pappbechern ausgeschenkt wird - den Becher kann man zum Wärmen nach draußen nehmen. Die Stimmung ist ausgelassen.

Ein paar Stunden später: In der Nähe der Pennsylvania Avenue, wo die große Parade durchkommt, feilscht eine Frau im Pelzmantel mit einem fliegenden Händler. Mittleres Alter, Typ erfolgreiche Schwarze aus besserem Hause, mit selbstbewussten Gesichtsausdruck und glatt gekämmten Haaren. Sie entscheidet sich für eine Sternenbanner-Fahne mit Obama-Porträt. „Five dollar, five dollar“, feixt sie den erstbesten Passanten an; sie lacht als habe sie das Schnäppchen ihres Lebens gemacht.

Washington gilt in den USA als „schwarze Stadt“, 56 Prozent der Bewohner sind Afro-Amerikaner, nur 35 Prozent Weiße. Noch immer gibt es Wohnviertel, in denen so gut wie ausschließlich wohlhabende Weiße leben, und es gibt heruntergekommene „Schwarzenviertel“, die Weiße meiden. Viele, sehr viele Menschen, die an diesem Tag die Innenstadt bevölkern, sind Afro-Amerikaner. Aber es ist dennoch kein „Fest der Schwarzen“, das Amerika an diesem Tag erlebt.

Ein paar Schritte weiter, vier Soldaten in Uniform suchen ihren Weg. Blutjunge Burschen mit blassen, unsicheren Gesichtern, ihre kahlgeschorenen Köpfe über eine Straßenkarte gebeugt. Sie sind hilflos. Ihre Uniformen, ihre Stiefel sind für Wüstenklima gemacht. Ob sie nicht frieren bei der Saukälte? „No, it's a wonderful day“, meint der Wortführer. Nichts kann an diesem Tag die Laune verderben.

Es ist ein prachtvoller Tag, über Washington spannt sich ein hoher, blauer Himmel. Es ist, als könnte man das Aufatmen der Menschen spüren. „Bye Bye Bush, Bye Bye Bush“ singen die Leute in einem U-Bahn-Wagen. Ansonsten spricht niemand mehr vom scheidenden Präsidenten. Es herrscht die Stimmung des Neuanfangs, der Erneuerung. „History is in the making“, nennen das die Amerikaner. Es wird Geschichte gemacht. „Obama we are ready“, ruft eine junge Frau, die schon seit Stunden auf Einlass auf die National Mall wartet. Obama, wir sind bereit.

„Phänomen Obama“: Lange nicht mehr hat es einen solchen Charismatiker, einen solchen Menschenfischer gegeben. Als er vor zwei Jahren seinen Kampf ums Weiße Haus begann, gab niemand einen Pfifferling auf ihn; haushohe Favoritin war damals Hillary Clinton. Praktisch über Nacht wurde der Schwarze aus Chicago zur Lichtgestalt. Geradezu begierig zieht Amerika seine Botschaft auf - Hoffnung, Wandel, amerikanischer Traum. Das sind große Worte, doch Amerikaner lieben große Worte - gerade jetzt in diesen schweren Zeiten.

Das Spektakel, das sich an diesem Tag vollzieht, ist eine Feier in der Krise. Taumelnde Banken, die Wirtschaft auf Talfahrt - die Nation geht durch ein Tal der Tränen. Allein das jugendlich-wirkende Gesicht Obamas, die junge Familie mit den beiden lächelnden Töchtern erwärmt die Herzen der Amerikaner; seit John F. Kennedy hatte das Land nicht mehr einen solchen strahlenden Präsidenten. Wer an diesem Tag zwischen Kapitol und Weißem Haus unterwegs ist, für den ist das Wort „Krise„ tabu - es ist die Stunde der großen Gefühle.

Auf der Bühne vor dem Kapitol, wo die geladenen Gäste sind, um hautnah zu erleben, wie Obama die Hand zum Amtseid erhebt, sitzt auch Denzel Washington, der schwarze Schauspieler und Hollywood-Star. „Wir haben eine lange Zeit gewartet, um hierhin zu gelangen“, sagte er. Auch das ist das „Phänomen Obama“ - Machtwechsel als Zeitenwende in Washington, als neues Kapitel im Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß. Das Gebäude, auf dessen Stufen Denzel Washington sitzt und Barack Hussein Obama vereidigt wird, ist von Sklavenhand erbaut worden.

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